Zwischen Sein und Schein herrscht der Nachtmahr

Wenn der Mörder in Engenmatten zuschlägt und die Gerüchteküche überkocht.

Zwischen dem Spiel von Klarinetten und anderen Blasinstrumenten, die ich wahrscheinlich benennen könnte, hätte ich besser im Musikunterricht aufgepasst, trat Julia Koch auf die Bühne. Ein dramatischer Auftritt, den der Messestand des Musikverlages direkt neben dem Literaturcafé fast zu inszenieren schien.

Mit einem offenen Lächeln lud die Autorin das Publikum zu einer kleinen Reise in den Kanton Obwalden ein, in der ihre Geschichte »Weibersterben« spielt. Sie schwärmte förmlich von der Postkartenidylle, wo »alles harmonisch ist, jeder jeden kennt« und die Gemeinde eine eingeschworene Einheit bildet. Doch was hinter verschlossener Tür erzählt und welche Gerüchte zusammengesponnen werden, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. Da hat es die erst zugezogene Clara, vom Haus aus Puppenmacherin, besonders schwer. So grübelt die ganze Engenmatt über die Absichten der jungen Frau und glaubt schlussendlich, sie hätte zusammen mit ihren Puppen das Böse angeschleppt. So ist auch der Grund für die alptraumhafte Gestalt gefunden, die die armen Dorfbewohner quält und in ihren Träumen heimsucht. Was sie nicht auf dem gebräuchlichen Weg erklären können, wird hier schon fast als Hexerei abgetan. »Die Welt urteilt nach dem Schein.«

Julia Koch beim Signieren. © Susann Malik
Julia Koch beim Signieren. © Susann Malik

Wie es sich für einen ordentlichen Kriminalroman gehört, schleicht sich der Tod durch Ritzen und Löcher immer wieder in die Geschichte ein. Ganz wie im Buch begann auch die Lesung mit der erquickenden Szene der Beerdigung des Stybli Glois. Man konnte förmlich die Erwartungen der Zuhörer in ihren Gesichtern ablesen, um dann umso überraschter zu sein, als Julia Kochs phänomenaler Galgenhumor die Stimmung spürbar auflockerte und das Publikum wachrüttelte. »Der Pfarrer war insgeheim froh, dass niemand Kenntnis von seiner neuen Thermounterwäsche hatte, die er an diesem Morgen unter dem Talar trug. So war ihm angenehm warm, und er musste nicht fürchten, dass seine Zähne beim Vaterunser zu klappern begannen.« Immer wieder brachte die Autorin ihre stetig anwachsende Zuhörerschaft mit kaum vergleichbar delikaten Situationen, in die Clara gerne zu stolpern scheint, zum Lachen. Sie überzeugte mit ihrer ehrlichen Vortragsweise, die fast noch unterhaltsamer, zumal ihre schweizerische Herkunft kaum zu überhören war. Dem ganzen Lesungsspaß verlieh dies zusätzlich eine herzlich komische Note.

Wer dem Verwirrspiel aus Sein und Schein ein Ende setzen will, dem wurde von Julia Koch ans Herz gelegt, es »ja selber lesen« und dem Nachtmahr die Stirn zu bieten. Ich für meinen Teil behalte heute Nacht jedenfalls mein Nachtlicht an.


Die Veranstaltung: Julia Koch liest aus Weibersterben, Literaturcafé Halle 4, Stand B600, 19.3.2016, 11.30-12.00 Uhr

Das Buch: Julia Koch: Weibersterben. emons, Köln 2016, 432 Seiten, 12,90 Euro, E-Book 9,49 Euro


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Die Rezensentin: Susann Malik

 

 


 

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