Zwischen Heim- und Fernweh

Jalid Sehouli liest aus seinem neuen Buch »Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo«.

Worin unterscheidet sich der Arzt vom Schriftsteller? Der Arzt öffnet mit dem Skalpell die Leiber, während der Schriftsteller mit der Feder die Seele öffnet. So metaphorisch beschrieb es zumindest der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase in seinen einleitenden Worten über Jalid Sehouli.

Auf ihn trifft nämlich beides zu: Er ist Krebsspezialist an der Charité in Berlin und hat sich nun zum zweiten Mal als Autor literarisch mit Marokko auseinandergesetzt. Als Sohn marokkanischer Zuwanderer ist er zwar in Berlin geboren und aufgewachsen, verbrachte aber einige Sommer seiner Kindheit in Tanger, der elterlichen Heimat. So nimmt er die Leser in seinem aktuellen Buch nicht nur mit auf eine Reise in die sagenumwobene Stadt, sondern auch auf die Spuren seiner Vergangenheit.

Wellpott_Cover Jalid Sehouli_2016-03-18»Es wird der Stadt und ihren Einwohnern einfach nicht gerecht, den Zauber des sagenhaften Tanger auf die Präsenz von Berühmtheiten und Schriftstellern zu reduzieren. Gerade die vielen Unbekannten erzählen die schönsten Geschichten und machen den eigentlichen Charme der Stadt aus«, erklärt Sehouli. Deswegen sammelte er einige dieser Erzählungen und fügte sie mit seinen eigenen Erinnerungen zu einer Liebeserklärung an Tanger zusammen. Man ahnt, wieviel Freude es ihm als Arzt bereitet haben muss, von der wissenschaftlichen Schreibweise abzuweichen und wahre Begebenheiten an einigen Stellen auszuschmücken. Sehnsucht, Liebe, Schmerz, Heimat und Verlust stecken in Formulierungen wie »Tanger liebt das Blut der Menschen, bringt es in Wallung«. Sie klingen in unseren Ohren vielleicht pathetisch, spiegeln aber wunderbar die marokkanische Mentalität wider.

Um den Zuhörern die arabische Kultur näherzubringen, hatte Sehouli an diesem Abend die traditionelle Hand Fatima, die Teekanne seiner Mutter sowie eine Postkarte von Tanger dabei. Und damit auch genug Zeit blieb, um im Fernweh zu schwelgen, begleitete Zaher Halwani, hauptberuflich ebenfalls Arzt, die Lesung mit der Geige.

Jalid Sehouli nach der Lesung. © Hannah Wellpott
Jalid Sehouli nach der Lesung. © Hannah Wellpott

Eine wirklich entspannte marokkanische Stimmung kam allerdings trotzdem nicht auf. Vielleicht lag es daran, dass die Plätze im zweiten Stock des Kaffee-Kontors auf genau 40 limitiert waren, sodass die Letzten in der Reihe mit einem Kaffee im Erdgeschoss vorliebnehmen mussten. Vielleicht lag es aber auch daran, dass das Publikum dicht gedrängt in Reihen saß und nicht gesellig auf bunten Kissen und handgewebten Teppichen. Oder der Grund dafür war schlichtweg, dass der frische und leicht schäumende Minztee fehlte, den in Marokko jeder Gast zu kosten bekommt.


Die Veranstaltung: Jalid Sehouli liest aus Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo, Einführung: Wolfgang Kohlhaase, musikalische Begleitung: Zaher Halwani, GANOS Kaffee-Kontor und Rösterei, 17.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Jalid Sehouli: Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo. be.bra verlag, Berlin 2016, 272 Seiten, 22,00 Euro


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Die Rezensentin: Hannah Wellpott

 


 

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