»Wohin die Birne fällt, darüber schweigt die Wissenschaft«

Eine poetische Reise durch Lettland und Litauen.

Im schwarz behangenen Saal der naTo haben es sich zahlreiche Besucher schon auf den gepolsterten roten Kinosesseln bequem gemacht und erfüllen den Raum mit Stimmengewirr. Deckenleuchten tauchen die Protagonisten auf der Bühne in helles Licht in ansonsten spärlich beleuchteter Umgebung. Schließlich kann die poetische Reise durch das Baltikum – Estland ausgenommen – beginnen.

Markus Rodoner heißt die vier Dichter willkommen: Inga Gaile und Artis Ostups aus Lettland sowie Indrė Valantinaitė und Benediktas Januševičius aus Litauen. Im Anschluss daran weist der polyglotte Moderator auf die prominente Stellung der Lyrik in den baltischen Staaten hin und beeindruckt durch müheloses Dolmetschen zwischen den lettischen und litauischen Poeten und dem Publikum.

Steindl CoverPdN_Lettland_gross_gerBenediktas Januševičius beginnt und trägt in flottem Tempo sein Gedicht in der Originalfassung vor. Die des Litauischen Mächtigen sind leicht durch kurzes Kichern zu identifizieren. Die Übersetzung von Markus Rodoner klärt schließlich alle anderen über das eben Vernommene auf: Wie zahlreiche von Januševičius’ Gedichten wirft auch dieses einen kritischen Blick auf die Gentechnik, zeigt aber ebenso deren Grenzen auf: An allem (un-)menschlichen Verhalten seien die Gene schuld, alles stecke in den Genen: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber »wohin die Birne fällt, darüber schweigt die Wisschenschaft«.

Inga Gaile verleiht in »Die Wiedergeburt einer Stadt« denjenigen eine Stimme, die sich während des Krieges nicht am Widerstand beteiligt haben und lediglich überleben wollten. Sie erwähnt explizit, dass sich dieses Gedicht nicht nur an Letten, sondern auch an Deutsche richte. Mit unaufgeregter, fester Stimme trägt Artis Ostups seine »Briefe an Susette« vor, in denen er unter anderem die Liebe Hölderlins zu Susette einfließen lässt.

Abschließend rezitiert Indrė Valantinaitė »Zur Stunde des Hungers im Jahr des Wolfes«, eines ihrer Waldgedichte. Im zweiten Gedicht rühmt sie mit sanfter, fast andächtiger Stimme die Schönheit des Lebens in all seinen Details und kommt zu dem Schluss, dass es »eine Sünde wäre, das Leben nicht zu preisen«. Sie sucht viel Augenkontakt zum Publikum und beendet die Reise durch die poetische Vielfalt des Baltikums mit dieser lebensbejahenden Botschaft.


Die Veranstaltung: Poesie aus dem Baltikum: Inga Gaile (LV), Indrė Valantinaitė (LT), Benediktas Januševičius (LT), Artis Ostups (LV), Moderation: Markus Rodoner, naTo, 19.3.2016, 18 Uhr

Die Bücher:

  • Werde zum Gespenst. Gedichte aus Lettland. Hg. v. Hans Thill, Das Wunderhorn, Heidelberg 2016, 192 Seiten, 24,80 Euro; u.a. mit Gedichten von Inga Gaile
  • Indrė Valantinaitė: Žuvim ir lelijom (Von Fischen und Lilien). Lithuanian Writers’ Union Publishers, Vilnius 2006, 67 Seiten

Steindl_Profilbild_2016-02-08

 

 

Die Rezensentin: Lisa Steindl

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.