Wo noch niemand war

Drei Dutzend Ernst-Bloch-Begeistere kehren am Donnerstagabend im Hörsaal der Universität Leipzig ein, um dem Philosophen für anderthalb Stunden näher zu sein.

In seinem Werk »Wo noch niemand war – Erinnerungen an Ernst Bloch« versucht Blochs langjähriger Assistent Gert Ueding mit lebhaften Reminiszenzen eine bisher ungekannte Seite seines ehemaligen Tübinger Professors zu beleuchten. Der heute 73-Jährige verwandelt den Hörsaal in die Erinnerungsstätte einer bedeutungswürdigen Beziehung zwischen Student und Professor. Ueding, der Köln hinter sich ließ um in Tübingen weiter zu studieren, zog Mitte der Siebziger in das Souterrain eines Hauses, in dem Ernst und Karola Bloch nach der Zwangsemeritierung in Leipzig residierten. Nun berichtet die raue Stimme des Autors aus jenen Tagen, an denen er Blochs Schritten im Kellerflur entgegenfieberte. Sie mündeten in Uedings Zimmer, um sich dort in nächtlichen Stunden dem Erzählen anheim zu geben. Vor mir tut sich das Bild eines Pantoffeln tragenden Blochs in trauter Sphäre einer Studentenklause auf. Im Schein dieses privaten Dunstes, fernab seiner universitären und politischen Wirksamkeit, bekommen die nächtlichen Begegnungen etwas sonderbar Vertrautes.

Gert Ueding. © Melanie Bollag
Gert Ueding. © Melanie Bollag

Ueding ehrt Bloch auf allen Ebenen ohne den Klang unterwürfiger Bewunderung. In bildreicher Sprache entwirft er ein aufrichtiges Portrait des verstorbenen Philosophen. Man sieht sich mit Bloch an Orten, gemeinsam in Räumen pulsieren, »wo noch niemand war«. Mit pathosgeladenem Schwung liest er die Geschichten, als hätten sie sich gestern begeben. Langsam fügt sich ein Puzzle, das zu Blochs Persönlichkeit wird, deren Fehlbarkeiten sein Genie bloß noch vollkommener erscheinen lassen. Seine Eigentümlichkeiten, die so manchen Antagonismus keimen ließen, quittiert Ueding mit einem Lächeln in die Runde. Denn genau aus diesen Eigenarten entfaltete sich seine Wirkungsmacht, sie brachte ihm zu Lebzeiten stetige Bewunderung ein. Ueding zeichnet das Bild eines facettenreichen, außergewöhnlichen Charakters. Das Temperament seiner anmutigen Körpersprache ist bis in alle Ecken spürbar.

Durch den Abend springt der in Leipzig lebende Schriftsteller und Übersetzer Joachim Kalka mit anekdotenreicher Moderation seinem Kommilitonen aus alten Tagen zur Seite. Er unterfüttert Uedings Passagen chronologisch, ergänzt sich mit dem Autor und gemeinsam katapultieren sie den Hörsaal glaubhaft in die 1970er Jahre zurück. Allerdings erweist sich der Abend als zu kurz um ausreichend die biografischen Eckpunkte zu erfassen – die politischen Begebenheiten erfahren im knappen Kontext kaum Gewicht.

Man kommt nicht umhin, in Ueding nach dem Stück Bloch zu suchen, das ihn einst prägte. Seine ausdrucksvolle Stimme, die er mit eindringlichen Gebärden akzentuiert, nimmt das Publikum für sich ein. Ob sich nicht ein Hauch von Blochs fesselndem Duktus in den des Autors mischt? Am Ende sind es die sprachgewaltigen Bilder, die aus dem Erinnerungsreichtum Uedings nachklingen. Lebendig, nah, voller Dringlichkeit.


Die Veranstaltung: Gert Ueding liest aus Wo noch niemand war – Erinnerungen an Ernst Bloch, Moderation: Joachim Kalka, Universität Leipzig, 17.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Gert Ueding: Wo noch niemand war – Erinnerungen an Ernst Bloch. Klöpfer und Meyer, Tübingen 2016, 214 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 14,99 Euro


 

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Die Rezensentin: Melanie Bollag

 

 


 

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