»Wo gehobelt wird, fallen Späne.«

Ein russischer Ex-Sträfling, sein Buch und Justizwillkür unter Putin.

Im Scheinwerferlicht der kleinen Bühne sitzt Wladimir Perewersin, ein Schwerverbrecher und Volksfeind, wenn es nach dem russischen Strafvollzug geht. Doch dieser Mann ist kein hochgradig Krimineller, kein Erdöldieb oder skrupelloser Geldwäscher, sondern ein Mann, der siebeneinhalb Jahre unschuldig im russischen Gefängnis saß.

Eine lange und schwere Zeit, über die er in seinem Buch »Matrosenruhe« berichtet, das er am Donnerstag in der naTo vorstellt. Unwirklich scheinen die Schilderungen aus seinem Buch, doch Wladimir Perewersin versichert dem Publikum, dass er alles genau so erlebt habe, dass die deutsche Übersetzung sehr gut sei, nur die Verhältnisse in Russland so schlecht, dass diese fast erdacht wirken. Er bezeichnet sich selbst als »Zufallsgefangenen«, weil es jeden beliebigen anderen hätte treffen können. Denn was ihn 2004 ins Gefängnis brachte, war allein die Tatsache, dass er für die Firma Jukos gearbeitet hatte. Eine Firma, dessen Chef sich bei Putin unbeliebt machte und der dafür, zusammen mit seinen angeblichen Komplizen, im Gefängnis landete. Wladimir Perewersin erzählt an diesem Abend von Dingen, die das Publikum nur ungläubig mit dem Kopf schütteln lässt. Man wird beinahe wütend, wenn man seine Berichte über Gewalt, Willkür, Erpressung und die Gefangenen hört, die all dem schutzlos ausgeliefert sind.

Doch das System mit all seiner Ungerechtigkeit konnte Perewersin nicht brechen, denn hier sitzt ein Mann, der diesen siebenjährigen Alptraum überstanden hat und der sein Schicksal teilt. Das tut er, trotz drohender Repressionen, trotz Angst um seine Familie. Er tut es, weil er die Wahrheit zeigen will, die traurige und harte Realität. Er ermöglicht seinen Leser*innen einen Einblick in das russische Justizsystem, der ihnen sonst verwehrt bliebe. Einen Einblick in die Lager und Gefängnisse, wo den Verurteilten ihre Rechte verwehrt werden und wo die einzige Menschlichkeit von den Gefangenen ausgeht.

© Ch. Links Verlag

Doch auch sieben Jahre nach seiner Entlassung hat sich Russland nicht gebessert, hat nicht aus alten Fehlern gelernt. Heute seien die Zustände sogar noch schlimmer. Man kann ins Gefängnis kommen, weil man einen Kreml-kritischen Post auf Facebook teilt, erzählt Perewersin. Auf die Frage, was sich in Russland verändern müsste, findet Wladimir Perewersin eine schnelle Antwort: Putin.

 

 

 

Beitragsbild: © Laura Krugenberg

 


Die Veranstaltung: Matrosenruhe. Meine Jahre in Putins Gefängnissen, Moderation: Christof Blome, naTo, 21.03.2019, 18 Uhr

Das Buch: Wladimir Perewersin: Matrosenruhe. Meine Jahre in Putins Gefängnissen., Ch. Links Verlag, Berlin 2019, 336 Seiten, 25 Euro, E-Book 14,99 Euro


Die Rezensentin: Laura Krugenberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.