Wir sind überall

Im gemütlichen Umfeld der Kinobar Prager Frühling spricht Fotograf Mario Schneider mit Dramaturg Ralf Meyer über sein neu erschienenen Bild-Text-Band »Tourist«.

Mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages schließt sich die Tür des Prager Frühlings in Connewitz. Nun geht die einzige Lichtquelle von der Leinwand aus. Ein alter Beamer projiziert darauf ein Foto, welches fünf Menschen in entspannter Haltung auf einem Boot zeigt. Die zwei aufgestellten Klappstühle vor der Leinwand sind noch leer. Nur in die samtigen Kinositze lassen sich vereinzelt ZuhörerInnen sinken. Mit plötzlichem Anknipsen des Scheinwerfers eröffnet auch Ralf Meyer mit einem Lacher die Veranstaltung: »Willkommen zur Leipziger Buchmesse«. Er sitzt jetzt neben Mario Schneider und fragt ihn zu seinem Werdegang und künstlerischen Schaffens. Es folgt eine langgezogene Beschreibung etlicher Lebensstationen, aber die eigentliche Frage wo die projizierte Aufnahme fotografiert wurde, zu der man immer und immer wieder schaut, bleibt aus. Nach weiteren Umwegen über die »Mansfeld Trilogie« und einem kurzen Erwachen beim »Dreckschweinfest« geht es Richtung Fotografie. Diese beeindruckt Schneider seit Kindheitstagen und den ersten selbst geschossenen sowie entwickelten Fotos. Damals noch in der Dunkelkammer seines Vaters.

Ralf Meyer bleibt auf Kurs und erkundigt sich nach dem Thema des Buches »Tourist«. Dabei ist der Name Programm. Schließlich füllt Schneiders Bildband Straßenaufnahmen von Touristen in Aktion – Selfie machend und Dinge bestaunend – in den unterschiedlichsten Ländern. Dafür reiste er gezielt zu Touristenmagneten wie dem Buckingham Palace in London oder dem Berliner Holocaust-Mahnmal und legte sich mit seiner Kamera auf die Lauer. Ansonsten sind die Aufnahmen Nebenprodukte seiner Urlaube. Besonders unterhaltsam ist das Foto von einem Elternpaar mit ihrer offenkundig gelangweilten Tochter, die der schönen Aussicht den Rücken zugekehrt. »Urlaub mit den Eltern, wer kennt das nicht?« kommentiert Mario Schneider und entlockt dem größtenteils fünfzig-plus Publikum einen Lacher. Scheinbar identifizieren sie sich mit den abgelichteten Eltern, nicht mit der Tochter.

Besonderer Beachtung wird ebenfalls der Aufnahme einer Touristin geschenkt, die beim Fotografieren ihrer selbst festgehalten wird. Dazu hat Schriftstellerin Juliane Reckow eine Kurzgeschichte verfasst. Mit ruhiger Stimme liest Ralf Meyer von dem zeitgemäßen Problem des Verpassens wertvoller Momente – weil auf dem Handy alte Fotos für neue Fotos gelöscht werden müssen. Dabei huscht ein Schmunzeln über die Gesichter des Publikums; offenbar eine Angelegenheit, die alle Generationen betrifft. Doch auch die folgenden Fotos reflektieren das Touristen-Dasein auf wunderbare Weise und erinnern an das Eigene. Denn wie Meyer betont, in Touristen verwandeln wir uns alle: als Gruppenreisende an Touristenhotspots oder auf der Flucht vor genau diesen. Damit nimmt Mario Schneider, die von ihm über etliche Urlaube hinweg abgelichtete, Entwicklung hin zum Massentourismus, bündelt die aus Kuriosität sowie Vertrautheit bestehenden Situationen und zeigt die Menschen hinter den Touristen.

Genauso abrupt wie der Anfang reißt einen die schlagartig einsetzende Pausenmusik des Kinos aus der Welt des Tourismus und den gemütlichen Sitzen. Für Fragen bleibt leider keine Zeit, die zwei Klappstühle sind bereits leer. Die Lichtquelle wird abgelöst von der einfallenden Abenddämmerung, als das Publikum wie eine Touristengruppe aus dem Saal hetzt.

Beitragsbild: Buchcover © Mario Schneider


Das Buch: Mario Schneider: Tourist. Halbband, Farbabbildungen. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2020. 168 Seiten, 28 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Anna Bodendieck

 

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