Wenn eine Geschichtsstunde auf die Spice Girls trifft

Jakob Bedford liest aus seinem historischen Thriller »Abtrünniges Blut« und schafft einen denkwürdigen Abend im Café Karl

Ein angenehmer Duft aus Kerzen und sanfter Hintergrundmusik schafft eine gemütliche Atmosphäre im Café Karl. Anlass ist eine Lesung von Jakob Bedford, der an diesem ungewohnt warmen Abend in die interessante Historie Londons entführt. Ein charmanter, einnehmender Mann mit einer beunruhigend perfekt sitzenden Frisur begrüßt das halbe dutzend Leute, das sich hier zusammen gefunden hat. Es werden Cocktails geschlürft und Sandwiches gekostet, während die Geschichtsstunde beginnt. Denn um den historischen Roman »Abtrünniges Blut«, der heute im Vordergrund steht, nachvollziehen zu können, gilt es, tief in die Geheimnisse Londons einzutauchen.

Warum genau London? Auch dafür hat Jakob Bedford eine ausführliche Erklärung, ausgeschmückt mit amüsanten Anekdoten. Der studierte Medienwissenschaftlicher mit den Nebenfächern amerikanischer und englischer Literatur berichtet von seiner ersten Reise nach London, wo er seine Liebe für die Großstadt entdeckte. Doch bevor er englischen Boden betreten konnte, musste die Reise über den Kanal in einem beängstigt kleinen Flugzeug überstanden werden. Sicher war es hilfreich, dass ein gewisser Promi mit von der Partie war. Niemand geringeres als Mel B, von den Spice Girls. Dies, die Gastmutter, die große Ähnlichkeit zu Queen Mom aufwies, und der schwindelerregende Linksverkehr führten zur ungebrochenen Schwärmerei für diese pulsierende Stadt.

Sein Interesseerstreckt sich jedoch vor allem auf das historische London des 18. Jahrhunderts. Auch weitere Projekte sind für diese Epoche geplant. Doch alles der Reihe nach. Zunächst heißt es: weiter aufpassen im Geschichtsunterricht. Vom ungewöhnlichen Bau der ehemaligen London Bridge, der Gin-Hölle bis hin zu Bonnie Prince Charles führt die Reise. Wer jetzt sagt: Bonnie Prince Charles – wer war das nochmal unter den vielen Monarchen? Das fragte sich auch das Publikum. Keine halbe Minute später singt dann plötzlich das ganze Café gemeinsam »My Bonnie lies over the ocean«. Ja, genau von diesem Bonnie ist die Rede. Dies und weitere Ratespiele, wie etwa zu Verbrechen in der damaligen Zeit, die tatsächlich mit der Todesstrafe geahndet wurden, schaffen eine lockere gelöste Stimmung unter den Anwesenden.

Doch neben der Wissenvermittlung wird hier natürlich auch gelesen. Wie schon zur Vorstellung von London, bei der man Jakob Bedford seine tiefe Leidenschaft für dieses Thema anmerkt, wirkt er auch beim Vorlesen geübt und sehr selbstsicher. Kaum ein Fehler schleicht sich ein, während wir unbemerkt hinüber gleiten in eine alte längst vergessene Welt. Die Sprache Bedfords ist hierbei flüssig, galant und, trotz des historischen Themas, sehr gut verständlich. Die Geschichte dreht sich um John Shinfield, einen ehemaligen Spion der königlichen Krone, der nicht ganz freiwillig beauftragt wird, die sogenannten »Abtrünnigen« aufzuspüren. Zusätzlich dazu treibt ein Serienmörder in London sein Unwesen und hat es offenbar auf Prostituierte abgesehen.

Drei unterschiedliche Leseauszüge reichen, um einen guten ersten Eindruck dieser komplizierten Geschichte zu erhalten. Es werden Degen geschwungen, Wortduelle ausgefochten und so manches Rätsel entdeckt. Doch der Gipfel der Spannung wird erst erreicht, als ein ganz gewisser Charakter plötzlich das Wort ergreift. Es ist der Mörder höchstselbst. Doch, wer er ist und was es tatsächlich mit den »Abtrünnigen« auf sich hat, das lässt sich nur mit der Lektüre dieses grandiosen Buches herausfinden.

Wer also politische Intrigen, Thriller und noch dazu historische Gegebenheiten liebt, hat hier seinen neuen Lesestoff gefunden. Einmal angefangen, lässt sich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Ebenso wie der charmante Autor und der äußerst unterhaltsame Abend – faszinierend.

Beitragsbild: Jakob Bedford erläutert ein historisches Bild von London © Natalie Stolle


Die Veranstaltung: Jakob Bedford liest aus »Abtrünniges Blut«, Café Karl, 21.03.2019, 19:30


Das Buch: Jakob Bedford: Abtrünniges Blut. Dittrich Verlag 2018. 596 Seiten. 19,90 Euro


Die Rezensentin: Natalie Stolle

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