Wenn den Mops die Einsamkeit packt

Klaus Siblewski gibt einen intimen Einblick in das Leben und Schaffen des legendären Ernst Jandl.

Klaus Siblewski wirkt, als sei das kleine Fürstenzimmer in der Albertina allein für ihn gemacht worden. Er schiebt seine Hornbrille auf die Nasenspitze, zupft am grauen Kaschmirpulli und nimmt gemächlich vor der braunen Holzvertäfelung Platz. Dann beginnt er zu sprechen – und startet eine Zeitreise in eine Welt, die beinahe so entschleunigt wirkt, wie der Trott seiner Stimme. Siblewski ist der ehemalige Lektor und Herausgeber der Werkausgabe des großen Dichters Ernst Jandl.

Er liest aus einer Chronik von Telefonaten mit Jandl vor. Das sei nötig, um dem Publikum einen Einblick in die »speziellen Verständigungsmodalitäten« zu geben, die man als Lektor Ernst Jandls gehabt habe. Die Anekdoten über die Telefonate haben eine unfreiwillige Komik. Im Publikum wird herzlich gelacht. Jandl, der drei Mal hintereinander anruft, weil er sein Faxgerät nicht bedienen kann. Jandl, der sich über ein Foto von ihm und seiner Lebensgefährten Friederike Mayröcker im Clownskostüm aufregt, das ohne seine Einwilligung veröffentlicht werden sollte. Er sei kein Clown, überhaupt habe er nichts Clowneskes. Er wolle das für die Literatur sein, was Schönberg für die Musik gewesen ist.

Sehr detailliert berichtet er über die Schwierigkeiten, die ihm die Lyrik Ernst Jandls als Lektor bereitete. Wie gestaltet man ein Gedicht typografisch, das eigentlich von der Performance lebt? Einige nicken zustimmend, andere verlassen ein bisschen übereilt den Raum. Man ahnt, dass Siblewski und Jandl mehr als nur das Lektorat verband. Einmal zitiert Siblewski Jandl: »Leihen Sie mir doch bitte eines Ihrer Ohren, die Hälfte Ihres Verstandes und ein bisschen von Ihrem Herz.«

Siblewski sieht die Werksausgabe als eine Art Wiedergutmachung. Jandl, der bereits in den 1950er Jahren zu schreiben begonnen hatte, fand lange keinen Verlag für seine revolutionäre Lyrik. Erst 1966 war er in der Lage, große Teile seines Werkes zu veröffentlichen. Ein mächtiges Werk, es umfasst nun stolze sechs Bände.

Laut Siblewski lässt sich Jandls Schreiben in zwei Hälften teilen. Um dem Publikum das näher zu bringen, hat er Tonaufnahmen von Jandl mitgebracht. Plötzlich zischt und rattert es, Tiernamen fliegen durch den Raum, der Fürstensaal ist voller Gekicher. Manche schließen die Augen. Das ist Jandl in seiner lautmalerischen Phase, erklärt Siblweski. Wer kennt ihn nicht, den legendären kotzenden Mops?

Es gäbe aber noch eine dunklere Phase, die vielen weniger bekannt sei. Wieder liest er aus den Telefongesprächen. Er habe keinen Lauschangriff vor, es diene lediglich dazu, die poetische Verfassung des Autors zu verdeutlichen. Und die ist miserabel. Er fühle sich einsamer als ein Hund, klagt Jandl am Telefon. Gedichte interessieren ihn nicht mehr. Von einer Werksausgabe wolle er nichts wissen.

Jandl leidet an einer Herzrhythmusstörung, versinkt im Selbstmitleid und im Chaos seiner Wohnung. Es folgen Tonaufnahmen eines lebensmüden Jandls. Er spricht über die Gebrechen des Alterns. Dabei hat er eine Wucht, die einen über Zeit und Raum hinweg berührt – auch heute in diesem schmucken Zimmerchen, 16 Jahre nach seinem Tod. Die Tonaufnahme endet mit einem tosenden Applaus. Die meisten hier würden wahrscheinlich gerne mitklatschen. Danach ist es sehr still im Publikum. Siblewski steht auf und beendet seine Lesung so, wie es auch Ernst Jandl oft getan hat, schlägt auf den Tisch und sagt: »Spruch mit kurzem O – SO!«

 


Die Veranstaltung: Ottos Mops. Ein Ernst-Jandl-Abend zum Erscheinen der neuen Werkausgabe mit Klaus Siblewski, Bibliotheca Albertina, Fürstenzimmer, 18.03.2016, 19:00

Das Buch: Ernst Jandl, Klaus Siblewski (Hrsg.): Werke in sechs Bänden (Kassette), Luchterhand 2016, 99,00 Euro


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Die Rezensentin: Marie Kraja

 

 


 

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