Wenn das Wasser kommt

Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann stellt seinen Debütroman »Der Fuchs« vor.

Nis-Momme Stockmann ist entspannt. Die loungige Wohnzimmer-Atmosphäre in den Leipziger Cammerspielen hat sicherlich ihren Anteil daran. Auf der Bühne liegt ein Orientteppich, darauf stehen ein Sessel und ein Tisch im Stil der fünfziger Jahre. Rundherum schluckt der schwarze Bühnenvorhang das Licht der Leselampe. Ein, zwei Getränke stehen bereit. Beste Voraussetzungen für eine Lesung mit dem Autor also, jetzt nachdem sich der Trubel um die Preisvergabe und seine Shortlist-Platzierung für den Preis der Leipziger Buchmesse gelegt haben.

Nis-Momme Stockmann. © Privat
Nis-Momme Stockmann. © Privat

Der 1981 auf Föhr geborene, bisher vor allem als Dramatiker mit Stücken wie »Der Mann der die Welt aß« und »Das blaue blaue Meer« in Erscheinung getretene Stockmann, steigt dementsprechend locker ein. Scherzhaft fragt er zunächst in die Runde, ob man denn überhaupt noch Energie habe für eine weitere Lesung, und wie lange er denn überhaupt lesen solle. Danach beginnt er mit dem ersten Kapitel seines Romandebüts »Der Fuchs«, und die Zuhörer finden sich prompt mitten in einer Sturmflut wieder. Die Lage ist denkbar heikel: In der fiktiven nordfriesischen Kleinstadt Thule steigt das Meer über die Deiche und wäscht alles davon. Darauf vorbereitet ist keiner:

»Niemand hatte jemals eine Katastrophenübung mitgemacht, es gab keine Signalraketen, keine Rettungswesten, keine Dieselgeneratoren, keine Besenkammer voll mit Notkonserven, keine Telefonnummern, die man laminiert und neben das Telefon geklebt hätte, keine Funkgeräte, keine Thermodecken – ja noch nicht mal Worte gab es in den Köpfen der Menschen hier für all das. Also brach irgendwann am frühen Morgen offenbar der Deich, und das Wasser rollte – wie eine große geduldige Verarschung – über den Ort, ohne dass auch nur eine Sirene losging.«

Schillmöller_Foto Stockmann Cover_2016-03-18Ein ziemlich klägliches Ende für eine Stadt mit so einem klangvollen, mythischen Namen. Doch das hat bei Stockmann Prinzip, sind es doch eher die kleinbürgerlichen Missklänge und Abgründe, die er in Thule zusammenbringt. Der Ort wimmelt von Figuren, die am Rand der Gesellschaft stehen, fast schon Freaks, deren Leben der Ich-Erzähler Finn Schliemann schildert. Dies spiegelt sich auch in den Passagen, die Stockmann an diesem Abend in den Cammerspielen vorliest, bei denen Sätze oft mit einem grotesk-komischen Humor grundiert sind und so mit der Ernsthaftigkeit und Tristesse des Erzählten brechen. Beispielsweise wenn Finn rückblickend eine skurrile Autofahrt mit seiner Mutter und dem geistig behinderten Bruder Reini schildert, der zu Anfällen neigt und dabei seine Fäkalien im Wageninneraum verschmiert. Solche und andere drastische Szenen sind es, die manche Zuhörer im Raum dazu bringen, beschämte Blicke miteinander auszutauschen; oder zu lachen.

Stockmann liest etwa eine Stunde, mit der vom Publikum gewünschten Zugabe, und kann doch nur einen ersten Einblick in den über 700-seitigen Roman geben. Zu vielschichtig sind die Erzählebenen miteinander verknüpft, die sich im Verlauf von einer Coming-of-Age-Story zu einem fast fantastisch anmutenden Verschwörungsthriller wandeln – irgendwo zwischen kosmischen Gefügen und profanem Kleinstadtdasein.


Die Veranstaltung: Nis-Momme Stockmann liest aus Der Fuchs, Cammerspiele Leipzig, 18.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 2016, 720 Seiten, 24,95 Euro, E-Book 21,99 Euro


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Der Rezensent: Jan Schillmöller

 


 

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