Wenn aus Menschen Bäume wachsen

… und ein »Flusspferd im Frauenbad« auftaucht, war Jens Nielsen am Werk.

Der »Auftritt Schweiz« entspricht dem Klischee, das dieses kleine Land so gerne pflegt: sauber, aufgeräumt, aber gefüllt mit Schätzen. Diese übten auch am Messe-Donnerstag eine offensichtliche Anziehungskraft aus, sodass die Regale und Büchertische durchgehend von neugierigen Besuchern umringt waren. Jens Nielsen ist einer dieser Schätze, eine Perle sozusagen. Man musste genau hinsehen, um ihn zu bemerken, denn trotz seiner stattlichen Körpergröße beanspruchte er auf der roten Holzbank wenig Raum. Still trank er aus dem bereitgestellten Wasserglas, bis die Vorstellungsformalität zu Ende war.

Nielsens kurzer Auftritt war keine Lesung im klassischen Sinne, denn er sprach frei und ohne Buch in der Hand. Der gelernte Schauspieler trug einige kurze Erzählungen, die er ursprünglich für das Radio geschrieben hatte, mit viel Ausdruck und Augenkontakt vor. Er lieferte eine Performance ohne Überschwang und Pathos, routiniert, aber keineswegs leidenschaftslos. Im Laufe der Veranstaltung breitete sich auf den Gesichtern der Zuhörer ein Dauerlächeln aus, das stark an das von Frischverliebten erinnerte. Das heißt jedoch nicht, dass die Texte einen verklärten Blick auf die Welt präsentierten. Die absurden Szenarien packten tragisch-komische Momente des Lebens in Wörter und das so geschickt, dass man als Leser oder Zuhörer diese einfach als gegeben akzeptierte, lachend, trotz des kleinen Stichs im Herzen. »Warum wir Vögel gerne einsperren, verstehe ich schon länger. Es ist eine Übertragungshandlung unserer eigenen Gefangenschaft.«

Die Texte aus »Flusspferd im Frauenbad« sind eigentlich nicht zum stillen Lesen gedacht. Wäre es nicht von edition spoken script herausgegeben, man würde das Buch nicht von einer gewöhnlichen Prosasammlung unterscheiden können. Es beinhaltet Poesie in mundgerechte Stücke verpackt. Man kann einen Text nach dem anderen Lesen, wie Pralinen oder gleich die ganze Schachtel aufessen – äh – lesen. Literarische Delikatessen für unterwegs.

Nach 15 Minuten war der kleine Exkurs in die Gedankenwelt Nielsens schon vorüber und es schien, als müsste der eine oder andere Zuschauer kurz blinzeln, als erwache er aus einem Traum. Mitten in der lauten Messehalle hatte der Autor eine Enklave geschaffen und alle, die gewillt waren, in seine Parallelwelt entführt. Das Flusspferd übrigens »schwamm in einem Wassertropfen unter diesem Mikroskop Zufrieden offenbar Und ohne Fluchtgedanken«. Wie es dahin gekommen ist? Das wissen nur die glücklichen Zuhörer dieser Veranstaltung.


Die Veranstaltung: Jens Nielsen liest aus Flusspferd im Frauenbad, 17.3.2016, Messe Halle 4, 16 Uhr

Das Buch: Jens Nielsen: Flusspferd im Frauenbad, Verlag Der Gesunde Menschenversand, Luzern 2016, 192 Seiten, 17,50 Euro


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Die Rezensentin: Sonja Dietschi

 


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