Was ist passiert, nachdem Nix passiert (gelesen) ist?

Kathrin Wesslings Roman über Stadt und Provinz, was Heimat bedeutet und wo, bei all den Orten, man selbst überhaupt ist.

You want a revelation
Some kind of resolution
You want a revelation
No light, no light
I your bright blue eyes

Ich lese die Zeilen des Songs „No Light, No Light“ und damit die letzten Zeilen des Buches und als ich fertig bin ist auch der Wasserkocher fertig und das Hintergrundrauschen verstummt. Und alles, was man hört, ist wie ich langsam die letzte Seite umschlage und nun die Danksagung vor mir habe. Ich will nicht, dass das Buch endet und dass meine Gedanken meinen Kopf ausfüllen. Ich will weiter nur die Gedanken von Alex in meinem Kopf haben.

© Ullstein Verlag

Irgendwann klappe ich das Buch zu, sehe mir das Cover an: Es ist wirklich wunderschön. Ein Bild eines Einfamilienhauses ist abgebildet, in Schwarz-Weiß und darüber, wie ein Sturm ein riesiger pinker verwischter Farbklecks. Und in hellgrüner Schrift steht da: „Nix passiert“, „Roman“, „Kathrin Wessling“.

Die Geschichte hallt in meinem Kopf nach. Die Story von Alex, wie Jenny sein Herz gebrochen hat und er sich so alleine fühlt in dem riesigen, dreckigen Berlin ohne Freundin und mit einem Scheißjob und er deshalb zu seinen Eltern aufs Land flüchtet. Er ist einst so schnell wie möglich aus seiner Heimat nach Berlin geflohen und selten wiedergekommen. Alle sind also überrascht aber Alex verschweigt den wahren Grund seines Besuches. Es scheint, als wolle er vermeiden, darüber zu sprechen, um es nicht wahr zu haben. Er ist konfrontiert mit seinen alten Freunden und den Orten, an denen er früher immer war. Mit der Zeit kommt alles hoch, was er Jahre lang versucht hat zu unterdrücken. Er sehnt sich nach der Einfachheit des Lebens auf dem Land und wünscht sich dorthin zurück.

Alex Geschichte geht einem so nah, weil er so sehr darum kämpft zu verstehen, wohin er gehört, was für ihn Heimat bedeutet, wer er ist und was er will.

„Nur ich allein, keine Mutter, kein Vater, kein Timo, kein Braus. Nur ich allein. Alexander der Kleine, der endlich begriffen hat, dass der Weg raus nur mittendurch führt, dass ihm keine Eltern helfen können, kein Umzug, kein Mensch, kein Ort.“

Kathrin Wessling hat in ihrem Roman einen wunden Punkt unserer Generation getroffen: Uns allen steht eine Welt mit tausenden Möglichkeiten offen und wir entscheiden uns sooft dagegen, wir selbst zu sein.

Ich sitze alleine in meiner leisen Küche, gieße das heiße Wasser über den Teebeutel in die Tasse und frage mich wer wir sind, wenn wir zwischen den Welten hängen, in denen es diese bezugsfertigen Rollen gibt. Der Dampf steigt aus der Tasse hoch und erinnert mich an den pinken Sturm auf dem Cover von „Nix passiert“. Und als wäre nix passiert, trinke ich meinen Tee, aber in Wahrheit ist es, wie als wäre ein pinker Sturm durch meinen Kopf gefegt und es ist so viel passiert.


Das Buch: Kathrin Wessling: Nix passiert. Ullstein, Berlin 2020, 236 Seiten, 18 Euro, E-Book 14,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Jasmin Prinz

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