Von Verlieren und Wiederfinden

David Wagner – Der vergessliche Riese: Gespräche über Autos, Frauen, Beerdigungen und Demenz

Es ist Freitag Abend, kurz vor 19 Uhr, es ist schon dunkel. Wir stehen vorm Haus des Buches, einem kastigen Gebäude aus Ziegel und Glas. Die Lesung findet im Café statt sagt uns eine rauchende Frau vor dem Eingang.

Drinnen werden wir von gedämpften Gesprächen, Weingeruch und dem Zischen der Kaffeemaschine empfangen. Es ist schon relativ voll, das Publikum setzt sich fast ausschließlich aus älteren Herrschaften zusammen, die allein oder in kleinen Gruppen, mit einem Glas Wein vor sich, an den im Raum verteilten Tischen sitzen. Neben uns sitzt ein kleiner älterer Herr, mit einem goldenen Ehering an der Hand und einem Glas Rotwein vor sich, er sitzt, wie ich, schweigend da und schaut sich die Leute an.

Die Stimmung im Raum scheint den Anwesenden gemütlich und für diesen Abend passend zu sein. Ich fühle mich durch die Zweckmäßigkeit des Raumes – die niedrige, mit quadratischen Platten verkleidete Decke, die merkwürdigen silbernen Tischdeckchen, auf denen Plastikkakteen und Gewürzstreuer stehen, an Besuchercafés, wie ich sie aus Krankenhäusern und Altersheimen kenne, erinnert.

Ich weiß, dass das Thema der Lesung die Geschichte eines, an Demenz erkrankten Vaters und seines Sohnes sein wird und frage mich, ob es für die anderen Anwesenden, nicht ein noch beängstigerendes und deprimierenderes Thema darstellt als für mich.

David Wagner taucht auf und nimmt zusammen mit der Moderatorin vor der mit Palmen geschmückten Fensterfront Platz. Letztere erklärt, dass die Veranstaltung, im Rahmen des Leipziger literarischen Herbstes für das MDR Kulturcafé aufgezeichnet wird, weshalb wir „ruhig laut klatschen, lachen oder mit Lametta werfen sollen“. Er ist klein, schwarz gekleidet, trägt eine Brille und Haare und Bart sind schon eher grau als nur meliert. Ich weiß noch nicht, ob er mir sympatisch ist.

Die Geschichte kreist um langsames Verschwinden und das Wiederentdecken einer gemeinsamen Vergangenheit von Vater und Sohn, die in den letzten Jahrzehnten mit ihren jeweils eigenen Familien und Leben beschäftigt waren und erst jetzt, bedingt durch die Krankheit in einer umgekehrten Konstellation wieder zueinander finden. Der immer als „übermächtige Riese“ empfundene Vater ist zum Kind geworden und nun auf den Sohn angewiesen, dieser erklärt ihm geduldig die Gegenwart, wie ein Vater, der seinem Kind die Welt erklärt.

Wagner gehört zu den Menschen, die wirklich gut vorlesen. Man kann nicht anders, als ihm zuzuhören, wie er mit ruhiger und angenehmer Stimme Zug- und Autoreisen zu diversen Beerdigungen schildert. Obwohl der Großteil der gelesenen Texte Dialoge über die Autos und Frauen im Leben des Vaters sind und die Fragen an den Sohn und dessen Antworten sich beständig wiederholen, kommt keine Langeweile auf und ich bin jedes mal ein bisschen traurig wenn Wagner aufhört zu lesen und das Gespräch mit der Moderatorin aufgenommen wird. Dann setzt er seine Brille wieder auf und gestikuliert mit beiden Händen. Sie sprechen über das nun umgekehrte Vater-Sohn-Verhältnis und über die Krankheit. Wagner bekennt sich zum Protagonisten des Buches, der auch David heißt und wechselt in der Schilderung, wie die Krankheit den Vater „lieber gemacht“ habe, vom vormaligen „der Sohn“ zum Ich. Er sagt, er sei der Krankheit „dankbar“, weil sie eine Wiederbegegnung von Vater und Sohn gegen alle Erwartung nach vielen Jahren erst ermöglicht habe.

Es geht auch um frühere Bücher von Wagner, um seine Reisen, den Arbeitsprozess hinter einem Buch und immer wieder um die alte BRD (aus der der Autor und die Romanfiguren stammen) beziehungsweise um Ost-West Unterschiede, wozu die Moderatorin immer wieder Fragen einwirft, vielleicht weil sie in ihrer Sendung unbedingt einen 30 Jahre Mauerfall Bezug haben möchte.

Die Schreibarbeit ist für Wagner das Mittel, Dingen durch benennen und beschreiben ihre Macht zu nehmen. Der Vater realisiert zwar die Krankheit und nennt sie beim Namen, um sie gleich darauf wieder zu vergessen; der Sohn schreibt ein Buch und findet darüber die nötige Distanz, sich nicht weiter von ihr bestimmen zu lassen. Vielleicht war das allen Anwesenden außer mir schon vorher bewusst und sie sind gerade deshalb gekommen.

Nachdem die Lesung durch die Abmoderation ziemlich aprubt beendet wird springen die meisten auf, einige Frauen gehen nach vorn um sich ihre Bücher von Wagner signieren zu lassen, der alte Mann neben mir setzt seinen Hut auf, zieht den beigen Mantel an, bringt das nun leere Glas zu Theke und geht.

Als ich nachhause laufe denke ich darüber nach, dass Wagner sagte, ein Buch schreibe sich mit der Zeit immer weiter, ohne dass daran etwas geändert werde, weil sich unsere Einstellung zu Dingen immer im Wandel befände. Ich glaube, da hat er Recht und die Lesung hat meine Einstellung und Bedenken zum Thema Demenz ein wenig verändert.

Sara Wolkers

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