Von Pferden, die buchstabieren können

Eine bunte Mischung aus Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Kuriosität.

»Selten habe ich zwanzig Jahre in einem Buch so schnell verfliegen sehen«, eröffnete der Moderator Tobias Lehmkuhl die Lesung von Marjana Gaponenko in der Charlotte 13 im Leipziger Osten. Drei große Themen zogen sich wie ein roter Faden durch den Abend: Schönheitsideale, Vergänglichkeit und Pferde.

Ja, Pferde spielten nicht nur im Gespräch mit der Autorin eine große Rolle, sondern übernehmen auch in ihrem inzwischen dritten Roman einen tragenden Part. Dass die pferdebegeisterte Gaponenko dafür nicht aufwendig recherchieren musste, merkte man beim Zuhören schnell. Und so findet der Leser im Text immer wieder Informationen über die Tiere, teilweise werden sogar Charaktere mit Pferderassen verglichen. Nicht umsonst trägt die Neuerscheinung den Titel »Das letzte Rennen«.

Hüser_Cover Gaponenko_2016_17_03Der minimalistisch gestaltete Leseort mochte auf manche etwas kahl wirken. Marjana Gaponenko aber gab er den Platz, um das zu entfalten, was sie beim Schreiben des Buches bewegt hat. Auf die Fragen von Tobias Lehmkuhl antwortete sie ehrlich. So begründete sie beispielsweise, warum die erste Freundin ihres Protagonisten Kaspar als unweiblich und hässlich dargestellt wird: »Bei Schönheit ist es so: Sie langweilt mich sehr schnell.« Und so präsentiert die Autorin auch die Geschichte von Kaspar, einem verwöhnten und ziellosen jungen Mann aus der gehobenen Wiener Gesellschaft, nicht geschönt. Neben skurrilen Stellen finden sich immer wieder melancholische Passagen, die zum Nachdenken anregen.

Und auch Marjana Gaponenko wirkte an diesem Abend nachdenklich. Sie ließ durchblicken, dass Kaspar Wesenszüge von ihrem »jüngeren Ich« trägt, ein Heranwachsender mit Selbstzweifeln und Ängsten. Oft sprach sie davon, dass das Leben viel zu kurz sei. Sie stellte Bezüge zu ihrer ursprünglichen Heimat, der Ukraine, her. Beispielsweise spiegele die Hauptfigur das dortige Bild von Frauen, die nicht selbstständig seien sollten. Obwohl Kaspar ein junger Mann ist, scheint er dieses Bild in sich zu tragen: »Kaspar ist eigentlich eher eine Frau«, eröffnete Gaponenko ihrem Publikum.

Marjana Gaponenko mit dem Moderator Tobias Lehmkuhl. © Laura Hüser
Marjana Gaponenko mit dem Moderator Tobias Lehmkuhl. © Laura Hüser

Zwischen tiefgründigen Gedankengängen zeichnete sich immer wieder der Humor der Autorin ab. So berichtete sie, dass sie zwar ein wahrer Pferdenarr, aber viel zu ängstlich zum Reiten ist. Stattdessen prüfe sie die Intelligenz der Tiere und stelle fest, dass sie schlauer sind, als man vermuten mag: »Mein Pony Anton kann seinen Namen mit der Nase buchstabieren.«

Schließlich überraschte sie mit einigen Alltagserkenntnissen, auch aus dem Tierreich: Beispielsweise habe sie erst kürzlich bemerkt, dass Ziegen einen Knick in der Pupille haben. Diese Beobachtung habe sie total fasziniert und tagelang nicht in Ruhe gelassen. Bleibt nun abzuwarten, ob Ziegen in ihrem nächsten Roman eine bedeutende Rolle spielen.


Die Veranstaltung: Marjana Gaponenko liest aus Das letzte Rennen, Moderation: Tobias Lehmkuhl, Charlotte 13, 17.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Marjana Gaponenko: Das letzte Rennen. C.H. Beck, München 2016, 266 Seiten, 19,95 Euro


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Die Rezensentin: Laura Hüser

 


 

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