Von Lust, Realität und dem Berlin der 90er

Ein Gespräch mit Rebekka Kricheldorf über ihren Roman »Lustprinzip«.

Es ist Sonntagmittag, 13.30 Uhr und im ZDF-Livestream funkelt bereits das bekannte blaueSofa der Leipziger Buchmesse. Es steht auf einer kleinen Empore, davor zwei Mikrofone, inmitten einer prunkvollen Räumlichkeit von beachtlicher Größe. Es soll in der nächstenhalben Stunde um den Roman »Lustprinzip« von Rebekka Kricheldorf gehen. Moderiert wird das Gespräch von Hans Dieter Heimendahl.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung dreht sich das Gespräch um den Titel des Romans. Die Autorin erklärt: Das Lustprinzip ist, »wenn das Realitätsprinzip noch keine Macht über einenhat.« Diese fast utopisch anklingenden Worte versetzen mich schnell in die Stimmung ihres Debütromans, der seine Leser:innen mitnimmt in das Berlin der 90er-Jahre. In das Berlin der Hausbesetzer:innen, der Studierenden, die nicht studieren, der Drogen, dem Berlin, in dem »Geld irgendwie keine Rolle spielte«. (Kricheldorf, fast sinnierend)

© Rowohlt Verlag

Die Protagonistin ihres Romans trägt den Namen Larissa und gehört – das sagt sie selbstüber sich – nirgendwo so richtig dazu. Und doch, oder vielleicht gerade deswegen, scheint sie wie gemacht zu sein, uns mitzunehmen in ihr Berlin der 90er-Jahre. Exemplarisch für ihre zurückhaltende, manchmal passive und zugleich nahbare Art, ist eine Szene, in der sie im Keller ihres heruntergekommenen Hauses zwei safrangelbe Autositze findet. Aus ihnen rieselt immer ein wenig Holzwolle, wenn sie darin hin und her wippt. Dann taucht von irgendwo eine Bierflasche auf und sie kippt sich »den Inhalt versonnen in den Hals.« (S. 16) Das ist also das Lustprinzip.

Zurück zum Gespräch und dem knallig-blauen Sofa im ZDF-Livestream. Kricheldorf erklärt nun, dass dem Lustprinzip das Realitätsprinzip gegenüberstehe. Und während sich die beiden in meinem Kopf voreinander aufbauen und sich gewissermaßen behaupten wollen, denke ich an die safrangelben Autositze und die Holzwolle. Lust versus Realität symbolisiertdurch Sitzmobiliar. Die safrangelben Autositze, in denen es sich gut hin und her wippen lässt und das knallig-blaue Sofa, auf dem in bester Literaturmanier über Entstehungsgeschichte und Intentionen des Romans, Vita der Autor:in, zukünftige Projekte & Co. gesprochen wird.

Mir dämmert, dass diese Veranstaltung ein demonstratives Sinnbild für die Kontrahentinnen Lust- versus Realitätsprinzip ist. Und die gnadenlose Schwierigkeit, »berlin« zu bleiben, auch wenn man plötzlich regelmäßig Miete zahlt. Kricheldorfs Debütroman erscheint mir jetzt wie ein utopischer Zufluchtsort zum Lustprinzip in einer Zeit der rauschhaften Regellosigkeit, der Freiheit, der Gemeinschaft, der Drogen und der Tragik, die dieses Leben in sich trägt.

Als Rebekka Kricheldorf zum Schluss der Veranstaltung ihren zweiten Roman ankündigt, der »diesmal eher aus der Erwachsenenperspektive« geschrieben sein, und damit das Realitätsprinzip verhandeln soll, stelle ich mir vor, wie sie dazu in den safrangelben Autositzen hin und her wippend, mit einer Flasche Bier in der Hand interviewt wird.

Beitragsbild: Rebekka Kricheldorf auf dem Blauen Sofa, © zdf.de, Screenshot: © Anna Luckow


Die Veranstaltung: Rebekka Kricheldorf, Hans Dieter Heimendahl, Leipzig, 30.05.2021, 13.30-14.00 Uhr, online unter zdf.de


Das Buch: Rebekka Kricheldorf: Lustprinzip. Berlin: Rowohlt Verlag 2021. 240 S., 20 €


 

 

Die Rezensentin: Anna Luckow

 

 

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