Von Liebe und Vögeln

Nell Zink liest aus ihrem Debütroman.

Ihre Familie wollte, dass sie Western schreibt. Gut, dass Nell Zink das anders sah. So ist »Der Mauerläufer«, den sie vor gut gefülltem Saal in der naTo vorstellt, keiner Gattung eindeutig zuzuordnen. Es geht um Vögel, aber irgendwie auch nicht, und Tiffany ist Feministin, aber verhält sich nicht so. Sie heiratet Stephen, den sie erst vor drei Wochen traf, und zieht mit ihm von Philadelphia nach Bern, wo er in einem Pharma-Unternehmen Karriere macht. Im Laufe des Buches lernen sie sich überhaupt erst kennen.

Krusemark_Buchcover Nell Zink_2016-03-17Tiffanys Leben entwickelt sich entlang der Männer, denen sie begegnet, scheint aber trotzdem  unabhängig von ihnen zu sein. Über das erste Mal mit Stephen sagt sie: »Er war schön. Es war hypnotisch. Ich war hin und weg« und klingt dabei abgeklärt, selbstbewusst und gleichzeitig wie ein kleines Mädchen auf der Suche nach der Welt. »Tiffany meint, es sei nicht ihre Schuld, geboren zu sein. Sie denkt, die Welt sei sexistischer, als sie eigentlich ist, und bremst sich damit selber aus«, sagt Nell Zink über ihre Protagonistin.

Als Erstes liest die gebürtige Kalifornierin, die seit 16 Jahren in Deutschland lebt, die Analsexszene. Sie liest auf Englisch, was vielleicht gut ist. So versteht der Großteil des eher älteren Publikums, das auf die Ankündigung dieser Episode mit betretenem Schweigen reagiert, das meiste nicht. Später erklärt Zink, dieses Bild des Analsexes habe sie Jonathan Franzen entwendet, für den sie das Buch geschrieben hat. Bei Franzen sei Analsex Ausdruck für ultimative Zuneigung in einer Beziehung.

Tiffany beobachtet ihre Gefühle zu dem Thema ganz rational: »Nun hatte ich mein Leben lang davon phantasiert, sexuell auf jede im jeweiligen Moment erdenkliche Weise benutzt zu werden. Wie naiv ich doch geworden war, sagte ich mir jetzt.« Tiffanys und Stephens Beziehung entwickelt sich über verschiedene Episoden: sie nehmen einen Mauerläufer bei sich auf, teilen die Begeisterung für Ornithologie und Umweltschutz, haben Affären und wechseln häufig ihren Standort. Berlin, Sachsen-Anhalt, Washington und der Balkan werden Schauplätze Nell Zinks ungewöhnlich zarter Weltannäherung.

Nell Zink mit ihrem Debütroman »Mauerläufer«. © M. Kru
Nell Zink mit ihrem Debütroman »Mauerläufer«. © M. Kru

Sie erzählt in fließendem Deutsch von ihren Zeiten in einer Rockband, die keiner hören wollte, ihrer Beziehung zum Schreiben und ihren literarischen Versuchen in Israel, die daran scheiterten, dass »leider niemand lustig findet, was man über Israel schreibt, egal was.« Man folgt der Geschichte von Nell Zink genauso aufmerksam wie der von Tiffany. Dementsprechend groß ist die Empörung, als der Kommentar aus dem Publikum, Zinks Deutsch sei verbesserungswürdig, der so beschwingten Lesung ein abruptes Ende setzt.

Begeistert hat Zink zweifelsohne den Großteil ihrer Zuhörer, viele kaufen den »Mauerläufer« am Bücherstand und lassen ihn signieren. Was übrig bleibt ist vollstes Verständnis für die Bestärkung, mit der Jonathan Franzen Nell Zink dazu brachte, aus dem Schreiben eine Profession zu machen, und das dringliche Gefühl, sich mehr mit Vögeln zu beschäftigen.


Die Veranstaltung: Nell Zink liest aus Der Mauerläufer, naTo, 17.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Nell Zink: Der Mauerläufer. Rowohlt, Reinbek 2016, 188 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: M. Kru

 


 

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