Von hungrigen Wölfen, fanatisch Religiösen und betrunkenen Vätern

Raymond Unger liest aus seiner Autobiografie »Die Heimat der Wölfe. Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie«.

Entspannte Wohnzimmeratmosphäre herrscht in der Baumwollspinnerei Halle 6c. Rote Ziegelwände, Parkettboden, gedimmtes Licht, Pflanzen zur Dekoration und große Fenster verleihen dem weitläufigen Raum einen gemütlichen Stil. Im Klavierhaus Michael Fiech liest Raymond Unger aus seiner Familienchronik »Die Heimat der Wölfe. Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie«. Er nimmt dafür in einem gestreiften Sessel Platz, sehr angenehm, wie er findet. Dann beginnt Unger zu lesen.

Er ist nicht nur Autor und Psychotherapeut, sondern auch Maler: In seine Bilder interpretieren die Betrachter oft eine »schwierige Kindheit«. Und tatsächlich: Von seinen Großeltern und Eltern hat Unger ein gewisses Kriegstrauma vererbt bekommen, wie so viele andere der sogenannten »Babyboomgeneration«. Kinder, die zwischen 1960 und 1975 geboren wurden, hatten oft mit psychisch angeschlagenen Eltern und Großeltern zu kämpfen: Sucht, fanatische Religiosität und mangelnde Empathie, seien bezeichnend für die Generationen, die im Krieg aufwuchsen, erklärt Unger. Deren Kinder wiederum litten nun unter den Nachwirkungen des Krieges, obwohl sie ihn selbst nie miterlebt hatten. In der Psychologie werden sie als »Kriegsenkel« bezeichnet.

Unger wuchs in einem Vorort von Hamburg auf. Sein Vater war erfolgreicher Koch, seine Mutter Hausfrau. Die Nachbarschaft setzte sich hauptsächlich aus strebsamen Arbeitnehmern zusammen. Die Resultate waren Privatgrundstücke, Einfamilienhäuser, eine Vielzahl an Autos, teure Hobbys – kurz gesagt: Wirtschaftswunder. Jede Familie hatte ihr eigenes Haus, mehrere Autos, die meisten pflegten teure Hobbys. Der Vater von Unger züchtete Tauben – und betrank sich regelmäßig. Seine Mutter spielte lange Zeit die »folgsame Hausfrau« und begann schließlich eine Affäre mit dem Nachbar. Seine Großmutter lebte nur für Jesus und ihren Glauben. All diese Erfahrungen hat Unger nun autobiografisch in seinem Buch zusammengefasst. Es sind verschiedene Anekdoten, die dort erzählt werden. Sie stammen zwar aus verschiedenen Jahrzehnten, sind jedoch immer eng miteinander verknüpft. Unger setzt sich in diesem Buch nicht nur aus historischer Sicht, sondern viel mehr tiefenpsychologisch mit seiner Vergangenheit auseinander.

: Raymond Unger im Scheinwerferlicht – Bild von der Lesung. © Elisabeth Leisker
Raymond Unger im Scheinwerferlicht. © Elisabeth Leisker

Leider hören ihm an diesem Abend nur sehr wenige Gäste dabei zu. Rund zehn Zuschauer haben sich im Klavierhaus eingefunden, dreimal so viele Stühle stehen für sie bereit. Doch vielleicht trägt gerade diese geringe Teilnehmerzahl zum Erfolg der Lesung bei. Es ist ruhig im Raum, die Stimmung ist konzentriert. Nach der Lesung gibt es die Möglichkeit Fragen zu stellen. Daraus entspinnt sich eine Diskussion über Kunst und Psychologie zwischen Autor und Publikum. Ungers Buch und seine Art des Vortrags haben etwas ausgelöst: Sie schaffen ein neues Verständnis und ermöglichen vielleicht sogar eine gewisse Versöhnung mit den eigenen Eltern, Groß- oder Urgroßeltern.


Die Veranstaltung: Raymond Unger liest aus Die Heimat der Wölfe. Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie, Klavierhaus Michael Fiech, Baumwollspinnerei Halle 6 c, 19.3.16, 18.30 Uhr

Das Buch: Raymond Unger: Die Heimat der Wölfe. Ein Kriegsenkel auf den Spuren seiner Familie. Europa Verlag, München/Berlin 2016, 224 Seiten, 19,99 Euro


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Die Rezensentin: Elisabeth Leisker

 


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