Von Depressionen und Karotten im Auge

Sieben Leipziger Autoren im ersten Dichterwettstreit des Jahres.

Auf der spärlich beleuchteten Bühne steht ein Sofa, daneben eine Stehlampe und ein Mikrofon. Im Neuen Schauspiel Leipzig kann man die Atmosphäre eines Poetry Slams quasi riechen. Trotz des stürmischen Wetters haben sich heute sieben Poet/innen versammelt, um selbstgeschriebene Texte vorzutragen. Das Publikum aus heiteren jungen Erwachsenen erwartet gespannt, was ihnen heute zu Ohren kommt.

Kurz nach 20 Uhr kommt der Moderator des Abends, Malte Rosskopf, aus dem Backstage und legt die üblichen Regeln eines Slams fest: 6 Minuten pro Slammer, kein Gesang, keine Requisiten. Er verspricht ein »seriöses Flair« und erzählt fröhlich, wie ihm im Sturm eine Karotte ins Auge geflogen sei. Die Zuschauer dürfen am Ende ihren Lieblingstext des Abends wählen: Auf einer Skala von 1 bis 10, von »Dackel« über »Panda« bis hin zum »kollektiven Orgasmus«.

Louise Kenn trägt ihren Text »Die Welt ist kein Ort zum Leben« vor. © Simon Kaleschke

Bald beginnt auch schon der Wettbewerb: Als erster darf TomatenMark auf die Bühne. Er stellt in einem dreiteiligen Text die Frage, ob Veteranen Helden seien. Als er auffordert, sich doch mal bei Soldaten zu bedanken, wird er auch schon wegen Zeitüberschreitung von der Bühne gedrängt.

Der nächste Text stammt von Simon Stursberg, einem kräftigen Studenten mit träumerischer Stimme, der über den »windigen Konjunktiv« spricht und darüber sinniert, was er täte, wenn er selbst ein Sturm aus Worten wäre. Am Ende wünscht er allen Anwesenden noch einen »guten Rückenwind«.

Schon seit mehr als vier Jahren ist Felix Reimann im Slam mit dabei. Schal, Koteletten, tiefe Stimme. Er trägt vier Gedichte vor, um dann am Ende sogar eine Kritik am Poetry Slam selbst zu wagen. Zuvor hatte er dem Moderator ein Kompliment gemacht und damit Sympathie im Publikum gesammelt.

Ganz besondere Präsenz hat Louise Kenn, die letzte Poetin, die vor der Pause auftritt. Ihr Text berichtet von ihrer Depression und darüber, wie das »Traurigsein« schon einmal »mehr Spaß gemacht« hätte. Der Raum ist während ihres emotionalen Vortrags unheimlich still, als sie fertig ist von tosendem Beifall erfüllt. So erkämpft sie sich einen Platz im Finale, nach einem »Schinken-Applaus« wird diese Ehre auch TomatenMark zuteil.

Nach einer kurzen Pause geht es in der zweiten Runde spannend weiter: Johannes Tielemann beweist mit einem emotionalen Text und Stimmenvielfalt, dass er den anderen Kandidaten in nichts nachsteht. Sein Vortrag berichtet zwischen Schreien und Schweigen von seiner eigenen Zerrissenheit und wird mit heftigem Beifall belohnt.

Aufgelockert wird die Stimmung durch Jonas Galm. Er erzählt humorvoll über erste und letzte Male. Sein Satz »Das erste eigene Grab – Geiler Scheiß« erntet einen einzelnen armen Klatscher aus dem Publikum. Jonas nimmt es mit Humor. Auch er zieht ins Finale ein.

Einzig von Robin Pans Texten bleibt am Ende des Abends nicht viel hängen. Der Neuanfänger wird trotzdem freundlich begrüßt und kann zumindest mit seinen lustigen Kommentaren und einem Gruß an seine Mutter überzeugen.

Im Finale geben alle drei Teilnehmer noch einmal ihr Bestes. Am Ende siegt Louise Kenn mit einem Text über ihren Freund, vielseitig und offenherzig, und gewinnt einen wohlverdienten Whiskey. Die Atmosphäre ist ausgelassen und man merkt, dass es hier wirklich um das Feiern der Sprache geht. Ein rundum guter Abend geht zu Ende und macht Vorfreude auf das nächste Mal.

Beitragsbild: Die Bühne des Neuen Schauspiels Leipzig. © Simon Kaleschke


Die Veranstaltung: Westslam Leipzig, Moderation: Malte Rosskopf, Neues Schauspiel Leipzig, 18.1.2018, 20 Uhr


 

 

Der Rezensent: Simon Kaleschke

 


 

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