Vom Anfang der Geborgenheit

Benedict Wells stellt seinen neuen Roman »Vom Ende der Einsamkeit« vor.

Das Literaturforum in der Messehalle 4 ist überfüllt. Sitzplätze sind ein Luxus, die meisten Leute sitzen auf dem Boden, einige versuchen, noch irgendwie um die Ecke zu gucken. Sie alle warten auf Benedict Wells, den jungen Bestsellerautor, der mit »Becks letzter Sommer« seinen Durchbruch feierte.

Es ist Wells deutlich anzusehen, dass er nicht mit so vielen Leuten gerechnet hat. »Ich fühle mich gerade wie ein Fußballer auf einer Pressekonferenz, der einen Mannschaftswechsel verkündet«, scherzt er. Das Eis ist gebrochen und das Publikum freut sich auf die kommende halbe Stunde, in der der Autor seinen neuen Roman »Vom Ende der Einsamkeit« vorstellen wird.

Der Roman erzählt von Jules und seinen Geschwistern Marty und Liz, die durch einen Autounfall sehr früh ihre Eltern verloren haben. Auf dem Internat geht schließlich jeder seiner eigenen Wege, und die Geschwister werden sich fremd. Jules zieht sich immer mehr zurück, wird ein verschlossener Junge. Das geheimnisvolle Mädchen Alva wird seine wichtigste Bezugsperson während der Schulzeit, doch die beiden verlieren sich aus den Augen und treffen sich erst Jahre später wieder. Sie begreifen plötzlich, was sie sich immer bedeutet haben, und versuchen die verlorene Zeit zurückzugewinnen, doch die Vergangenheit holt sie wieder ein.

Die Moderatorin beschreibt das Buch als einen Entwicklungsroman, der den Leser traurig mache und glücklich zurücklasse. Für Wells selbst sei es das bisher wichtigste und persönlichste Buch, da Verlust und Einsamkeit zentrale Themen für ihn seien. Daher nahm sich der Autor auch sieben Jahre Zeit für diesen Roman, der ursprünglich 800 Seiten hatte. Wells wollte die Geschichte aber möglichst dicht erzählen, sodass am Ende nur noch ein Teil davon übriggeblieben sei. Der Geschichte hat es nicht geschadet, da ist sich das Publikum einig. Der Autor erklärt diesen Schritt mit einem Bild aus dem Buch: Für den Protagonisten Jules sei das Fotografieren ein wichtiger Aspekt seines Lebens. Und so wie man beim Fotografieren bestimmte Objekte scharf stelle und den Hintergrund verschwimmen lasse, so sollten auch einige Episoden aus JulesLeben in den Fokus gerückt und andere unscharf gelassen werden.

Benedict Wells zieht alle in seinen Bann, als er mit dem Lesen beginnt. Mit seiner ruhigen Stimme lässt er Jules und Alva lebendig werden, und schon bald ist es totenstill auf diesem kleinen Flecken auf der sonst so lauten Messe.

Wie er auf den Titel gekommen ist? Jemand hat ihn mal gefragt, warum alle Figuren von ihm am Ende allein seien. Erst widersprach Wells, doch merkte dann, dass an der Sache etwas dran war. Daraufhin wollte er die Figuren in seinem neuen Roman nicht einsam zurücklassen und vom Ende der Einsamkeit schreiben. »Doch die Einsamkeit kann auch ein Kompass sein.« Mit diesen Worten beendet Benedict Wells die Lesung und entlässt das Publikum mit seinen Gedanken in den grauen Märznachmittag.


Die Veranstaltung: Benedict Wells liest aus Vom Ende der Einsamkeit, Leipziger Buchmesse, Literaturforum Halle 4, 19.3.2016, 14.30 Uhr

Das Buch: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes, Zürich 2016, 355 Seiten, 22 Euro


BeierA_Profilbild_2016-02-08

 

 

Die Rezensentin: Annalena Beier

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.