Verloren zwischen Datingapps und einem unauffindbarem Auditorium

Bei der Performance „Nudes“ kann man sich verlieren

Es ist Samstagabend, 20:30 Uhr. Wir irren umher und suchen das Auditorium der Galerie für zeitgenössische Kunst. Im Café Kapital weiß die Bedienung nichts von der Veranstaltung. Wir setzen uns. Erstmal einen Wein trinken und Orientierung verschaffen. Es finden sich immer mehr Menschen ein, die trinken und in Gruppen zusammenstehen. Es sieht nach Aufbruch aus, jedenfalls scheint niemand nach freien Sitzplätzen zu schauen.
Es ist mittlerweile 21:19. Seit knapp 20 Minuten sollte die Darstellung bereits im Gange sein.
Es läuft Kathaline von Jonny Guitar Watson, die Leute tanzen ein wenig. Meine Begleitung trommelt unruhig auf dem Tisch herum. Die anderen Gäste unterhalten sich angeregt. Alle sehen sehr gespannt aus und scheinbar nicht so vereinnahmt von der Sorge, ob sie hier richtig sind, wie wir.

Plötzlich setzt sich alles in Bewegung und wir finden uns in einem kleinen Raum auf einem unbequemen Platz auf dem Boden wieder. Direkt fällt unsere Aufmerksamkeit auf den leicht bekleideten, am Boden liegenden jungen Mann. Allein seine Lenden sind bedeckt von einer engen weißen Unterhose, doch auf solch viel nackte Haut konnte man sich wegen des Titels schon einstellen. Der Raum ist, bis auf ein orangenes Licht, was von einem Baustellenähnlichen Leuchtstrahler ausgeht, ganz dunkel.
Musik mit lautem Bass setzt sein.
Die Performance besteht aus den Tänzen zweier Männer, gespielt von Luke Francis und Francisco Baños Diaz. Diese werden begleitet von bassreichen Popsongs. Immer wieder ertönen Phrasen, eingesprochen von einer Computerstimme, wie „Omg hot pictures,
sexy wink Emoji“ wie Nachrichten in einem Chatverlauf und so wird der Eindruck einer Interaktion auf einer Datingapp erweckt.
Während der 20-minütigen Aufführung tanzen die beiden Männer, beide fast nackt umeinander herum und auch teils alleine. Im ersten Teil der Performance posiert der eine Mann vor einem Spiegel, der aufgrund der etlichen Beulen ein deutlich verzerrtes Bild seines Körpers zurückwirft. Nachdem der zweite Mann hinter der Scheibe erscheint, tanzen beide miteinander.
Nach diesem scheinbar virtuellen Flirt, treffen sie sich im Raum vor der Scheibe, als potentielle Metapher für ein erstes Date im echten Leben. Es beginnt ein sehr erregender Tanz, wobei die Zuschauer (ich) sich nach einer Berührung oder einem Kuss der Tänzer sehnen, jedoch bleibt dieses Bedürfnis unbefriedigt. Am Ende liegen beide Tänzer nebeneinander auf dem Boden und ihr Kopf verschwindet unter dem schwarzen Vorhang.
Nach lautem, langem Applaus für die Tänzer und die Produzentin Katharina Merten finden wir uns im Café wieder und es fällt schwer in hellem Licht und lautem Gerede diesen abrupten Szenenwechsel zu verarbeiten. Gerade der letzte Tanz, der so nah und doch so distanziert schien und mich unbefriedigt zurückließ war einschneidend. Ich mache mir Gedanken über die moderne online Dating Kultur: Es geht um Likes und Matches, um Icebreaker und smoothe Anmachsprüchen. Es ist ein voreinander her tanzen, fast schon wie das umeinander Kreisen, wie man es als Balzverhalten aus der Tierwelt kennt. Ein sich Präsentieren und ein Testen, wie hoch der eigene „Marktwert“ ist und vor allem welchen Wert der eigene nackte Körper hat. Ich frage mich: Auf wie viele Matches folgt eine Konversation? Und auf wie viele virtuelle Gespräche dann ein Treffen?
Und hört damit das voreinander her tanzen auf? Wie eng werden die Tänze? Wie tief ist die Verbindung? Und ist es im Endeffekt doch nur ein nebeneinander her tanzen, was schon so routiniert ist, dass es wie auswendig gelernt scheint, wobei doch der Kopf unter dem schwarzen Vorhang verborgen ist?
Wir lernen: In der modernen Dating- Kultur kann man sich also durchaus sehr verloren vorkommen. Doch wer einmal das Auditorium der Galerie für zeitgenössische Kunst suchte, kennt bereits dieses Gefühl!

Jasmin Prinz

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