Urban Prayers – Ein komponiertes Buch über Religionen in unseren Städten

Björn Bicker zwischen Jenseitigkeit und Essensregeln.

»Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.« Die berühmte Gretchenfrage aus Goethes Faust wird heutzutage mehr philosophisch als religiös diskutiert. Wer weiß denn eigentlich noch, was er glaubt? Spielen Religion und Glaube überhaupt noch eine Rolle in einer so schnelllebigen und selbstbestimmten Zeit? Björn Bicker zufolge stand die Thematik der Religiosität noch nie so vielfältig im Mittelpunkt als gerade jetzt in der Flüchtlingskrise. Die Frage »Was glaubt ihr denn«, welche gleichzeitig der Titel seines neuen Buches ist, ließ ihn nicht los, und so machte er sich auf die Suche nach Antworten.

9783956140945Der heute 44-jährige Autor entstammt einem evangelischen Elternhaus. Er studierte sogar zwei Semester Theologie, brach aber ab, weil ihm das Studium zu trocken und traditionell war. Daraufhin sei sein Glaube über Jahre »verschütt gegangen« – bis er durch die Flüchtlingssituation mehr und mehr mit strenggläubigen Muslimen und leidenschaftlichen Pfingstlern aus Afrika in Berührung kam. Die Ernsthaftigkeit und Energie, die diese Menschen in ihren Glauben investieren, weckte in ihm den Wunsch, mehr über seinen Glauben und den Glauben anderer zu erfahren. Er begann, in München unterschiedliche religiöse Gemeinschaften zu besuchen, und stellte immer wieder dieselben Fragen. Diesen Prozess dokumentierte er und schrieb daraus ein Theaterstück, das an unterschiedlichen Religionsstätten in München aufgeführt wurde. Nun war es nur noch ein Katzensprung bis zum Buch.

Heute hält er es in den Händen. Es ist 16 Uhr am Messestand der taz und das Publikum wartet auf den ersten vorgelesenen Einblick in das »komponierte Buch«, wie es der Moderator Jan Feddersen nennt. Björn Bicker schlägt die erste Seite auf – kurze Pause – dann legt er los. Bicker reiht einen Gegensatz nach dem anderen in einem unglaublichen Tempo aneinander und versammelt die Antworten der unterschiedlichen Gläubigen: »Wir sind erlöst – wir werden erlöst – wir wissen es nicht.«

Foto des taz-Standes mit Besuch von Björn Bicker (2. v. l.). © Clara Beier
Foto des taz-Standes mit Besuch von Björn Bicker (2. v. l.). © Clara Beier

Mehr und mehr wird deutlich, warum es sich tatsächlich um ein »komponiertes Buch« handelt. Der Chor der Gläubigen – in Anlehnung an den Chor der Bürger in griechischen Tragödien – erhebt seine Stimme, um seine Meinung über ein Thema kundzutun, aber: Er ist sich selbst nicht einig. Selbst die einzelnen Glaubensgemeinschaften untereinander sind sich nicht einig. Immer wieder dreht es sich um die gleichen Fragen: Was glauben wir, und was glaubt ihr?

Björn Bicker schlägt das Buch zu. Dass am Ende der Lesung viele Gedanken offen bleiben oder verwirren, zeigt sich in den Reaktionen der Zuhörer: ein leises Luftholen zur Rechten und ein nervöses Rascheln zur Linken. »Was trägt zum Frieden bei?«, fragt der Moderator. »Sich kennen.« meint Björn Bicker.

Im Gespräch mit dem Autor wurde deutlich, warum schon Gretchen die wichtige Frage der Religion stellte: Der Chor der Gläubigen ist laut und hat mehr zu sagen, als es manchmal scheint. Diese explosive Mischung aus Gegensätzen ist mitten in unseren Städten. Wir treffen auf vorgegebene Maßstäbe, unterschiedliche Weltbilder und jede Menge Potenzial für Konflikte – oder für Lösungen.


Die Veranstaltung: Lesung und Gespräch zu Björn Bickers neuem Roman Was glaubt ihr denn – Urban Prayers, Moderation: Jan Feddersen, Messestand taz.studio, Halle 5 H408, 17.3.2016, 16 Uhr

Das Buch: Björn Bicker: Was glaubt ihr denn – Urban Prayers. Antje Kunstmann, München 2016, 272 Seiten, 24,95 Euro, E-Book 21,99 Euro


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Die Rezensentin: Clara Beier

 

 


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