Unter der Spitze des Eisberges

Lena Müller über Aufbruch, Verlassen und die 80er Jahre in Westberlin.

Durch meinen Laptop blicke ich auf die Szenerie der Lesung zu Lena Müllers Debütroman »Restlöcher«. Rebecca Maria Salentin, die Moderatorin, stellt Lena Müller kurz vor, bevor diese einen ersten Einblick in ihr Buch gewährt. Die Kulisse im Lindenfels Westflügel verleiht Lena Müllers Worten eine besondere Wirkung. Die alten Wände, mit abgeblätterter Farbe, das große Fenster, eingerahmt von dunklem Holz, das scheinbar von der anderen Seite zugemauert wurde.

© 2021 Edition Nautilus GmbH

Es hat etwas von Umbruch oder Abbruch, vergleichbar mit dem Leben von Sando, dem Protagonisten, der von Lena Müller im ersten Kapitel vorgestellt wird. Sandos Leben ist geprägt von Liebeskummer und vom Verlust des »Fuchses« und dann ist auch noch seine Mutter verschwunden. Der Fuchs ist kein Tier, erklärt die Moderatorin den Zuhörenden, sondern ein junger Mann, der sich durch seinen aktivistischen, spontanen Charakter von Sandos melancholischer, zögerlicher Art unterscheidet. »Eigentlich mag ich ihn gerne in seiner Melancholie«, sagt die Autorin, um daraufhin hinzuzufügen: »Manchmal nervt er mich, weil er so zögerlich ist«.

Im Gespräch erfahren wir, dass Sando und seine Schwester Milli bereits Figuren in von Lena Müller verfassten Hörbüchern waren, die sie nun in ihren ersten Roman mitgenommen hat. Durch die Fragen von Rebecca Maria Salentin erhalten die Zuhörenden einen Einblick in die Figurenkonstellation sowie die Kerngeschichte des Buches. Neben Sando ist auch Clara, seine Mutter, Protagonistin des Romans und so liest Lena Müller einen zweiten Ausschnitt, in der wir ihre Perspektive kennenlernen.

Das leichte Hallen des Mikrofons lässt die Größe des Saales vermuten und die Atmosphäre im Raum erahnen. Lena Müller erzählt vom Motiv des Aufbruchs, des Verlassens, das sowohl Sandos als auch Claras Leben bestimmt. Sie erläutert den historischen Hintergrund in den 80er-Jahren in Westberlin. Eine Zeit die von »universalem Aufbruch« und feministischem Aktivismus geprägt ist.

Nach einer halben Stunde ist Lena Müllers Zeit abgelaufen und die Lesung endet sehr abrupt. Es war jedoch ausreichend, um Lust auf das Buch zu bekommen, in dem wie Moderatorin Salentin es ausdrückt, so viel Unterschwelliges mitschwingt: »Man weiß sofort: Unter dieser kleinen Spitze, die man kennenlernt, ist ein wahnsinnig großer Eisberg!« Und so war auch diese Lesung nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sich unter der Spitze des Eisberges versteckt.

Beitragsbild: © 2021 Westflügel Leipzig


Die Veranstaltung: Westflügel Leipzig/ Youtube, 27.05.2021, 19.00-19.30, Lena Müller liest aus ihrem Debütroman „Restlöcher“.


Das Buch: Lena Müller: Restlöcher. Hamburg: Edition Nautilus GmbH 2021, 124 Seiten, 18 Euro.


 

 

Die Rezensentin: Leonie Reiter