Über die Macht der Stimme

Warum Tom Jacuba bei seinen Leisten bleiben sollte.

An alle, die Hörbücher, so wie ich selbst, lieben: Ihr kennt das. Alles, wirklich alles steht und fällt mit dem Sprecher. Während ich zwischen Nintendo zockenden, Unterhaltungen führenden oder gar essenden Gästen sitze, schüttle ich mich entweder kurz wie ein nasser Hund, um nicht abzuschweifen oder zähle das Vorkommen des Wortes »Busen«. Bilanz: Auf jeder Seite ein Mal. Das ist der ausgesuchten Textstelle geschuldet – eine versuchte Vergewaltigung, die in der Enthauptung des Täters endet. Ich werde nicht mitgerissen, frage mich außerdem, warum das Wort Magierin wie »Magírin« ausgesprochen wird. Nach einer gefühlt sehr langen halben Stunde schlägt der Autor das Buch zu und entschwindet im hinteren Teil der Leseinsel, um sich für Fragen und Autogramme zur Verfügung zu stellen. Ich tausche einen Blick mit meiner Begleitung, die Frage, ob überhaupt jemand der noch Anwesenden an dem Buch nach dieser Lesung interessiert ist, bleibt unausgesprochen.

Tom Jacuba liest aus Kalypto. © Natascha-Valerie Conrad
Tom Jacuba liest aus Kalypto .© Natascha-Valerie Conrad

Die Fluktuation erscheint mir hoch während der Lesung, fünf entschwinden, ein Gast kommt hinzu. Ich bin wohl nicht die einzige, die den Worten des Autors nicht lange aufmerksam zu lauschen vermag. Nach der Lesung erstmal kurz reinhören, welche Stelle sich Audible ausgesucht hat. Auch hier werde ich enttäuscht, sie animiert mich nicht zum Kauf, ist mir zu fad. Immerhin klingt der Sprecher verheißungsvoll und intoniert die Sätze nicht so seltsam wie der Autor bei der Lesung. Einige meistern beides, die Überzahl ist entweder mit dem Können des Schreibens oder dem des Vorlesens gesegnet.

Kalypto MagierinAbseits von der Lesung hat das Werk auch eine eigenständige Betrachtung verdient. Meinen Geschmacks-Nerv hat es nicht getroffen. In prüder Manier stolpere ich beim Lesen über Ausdrücke wie »ins Hirn gefurzt« oder »pissen«, um nur einige zusammenhanglose Beispiele zu nennen. Obszönität kann man gebrauchen, muss man aber nicht. Oder in meinen Augen: braucht man ganz und gar nicht. Dabei ist die fantastische Welt von Kalypto detailreich beschrieben, ebenso die Charaktere. An Sprachreichtum mangelt es dem Autor beileibe nicht.

Zum Glück für Tom Jacuba steht meine Meinung nicht im Einklang mit dem Rest der Leserwelt. Vom ersten durchaus positiven Eindruck mal abgesehen, der vornehmlich aus der hohen Seitenzahl und der vorhandenen Karte entstand, wurde ich nicht von dem Kalypto-Fieber angesteckt. Wer jetzt fragt, ob meine Aussagen nicht widersprüchlich sind, schließlich halte ich das Buch einerseits für zu langatmig und spreche mich andererseits für eine hohe Seitenzahl aus, dem sei gesagt: Es gibt durchaus vielschichtige, detailreiche Werke, die nicht ausarten. Aber so ist das eben manchmal: Entweder ist man gleich Feuer und Flamme, oder das Buch landet in der letzten Reihe deiner Regale – auf dass es dir nie wieder in die Hände falle.


Die Veranstaltung: Tom Jacuba liest aus Kalypto. Die Magierin der tausend Inseln, Leipzig Messe, Leseinsel Fantasy, Halle 2, 17.3.2016, 15.30 Uhr

Das Buch: Tom Jacuba: Kalypto. Die Magierin der tausend Inseln. Bastei Lübbe, Köln 2016, 606 Seiten, 12,00 Euro, E-Book 9,49 Euro


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Die Rezensentin: Natascha-Valerie Conrad

 

 


 

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