Suff, Sushi, Frauenknast

Clemens Meyer und Claudius Nießen präsentieren »Zwei Himmelhunde – Irre Filme, die man besser liest«.

Es gibt Leute, und zwar nicht wenige, die nicht Jean-Luc Godard, Federico Fellini und Ingmar Bergman, sondern John Carpenter, Kurt Russell und Jean-Claude Van Damme für die wahren Helden des Kinos halten. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die oscarlosen und überaus produktiven Heroen des Siebziger- und Achtziger-Jahre-Trashkinos ganze Generationen inspirierten. Dolph Lundgren. Michael Dudikoff. Bud Spencer und Terrence Hill. In der unsterblichen Tradition der Letzteren ersannen die Freunde Clemens Meyer und Claudius Nießen ein wahnwitziges Projekt: jene als »B-Movie« verschrienen Glanzlichter aus der dritten, vierten und fünften Reihe des internationalen Kinokanons literarisch zu würdigen. Um elitäres Kritikergehabe gar nicht erst aufkommen zu lassen, sahen sie sich die Sternstunden des Genres in einem Rahmen an, welcher am besten als »ungezwungen« beschrieben werden kann. Heißt: in Nießens Wohnung, spätnachts, bei reichlich Bier und Fast-Food.

Die beiden Autoren, Meyer elegant in Schwarz, Nießen in einer überaus legeren Karohose, schafften in der Tat eine familiäre Atmosphäre. Nießen verlas zu Beginn die nackten Zahlen und Fakten des Unternehmens, als da wären 91 Filmabende, in deren Verlauf die Gonzo-Autoren eine irrwitzige Menge an Sushi, Gin, Corona Pils und Balisto-Riegeln vertilgten, nebst einer summiert vierstelligen »Du, ich glaub, ich fahr heut nicht mehr Auto«-Taxirechnung Meyers. Einen besonderen Dank sprach Nießen an dieser Stelle seiner Frau aus, die die leberschädigenden und cholesterinspiegeltreibenden Studien im Dienste der Kunst in ihrer Wohnung tolerierte.

meyer-niessen-himmelhunde-2d-cmyk-Es folgte ein unbekümmerter Schweinsgalopp durch die Niederungen der Kinematographie: Mal beleuchten die Fachmänner ganze Subgenres wie den klassischen Bruce-Lee-Eastern oder den Frauengefängnisfilm mit der Expertise des Liebhabers und Kenners. An anderer Stelle hoben sie aber auch einzelne Meilensteine der Exploitation in Gestalt von »Ilsa, She Wolf of the SS« oder »Cannibal Holocaust« – »kann man das Philosophische drin sehen, muss man aber nicht« – hervor.

In welche Abgründe diese Recherche die Autoren unter der teilweisen Preisgabe der eigenen Gehirnzellen geführt haben, machen die überaus unterhaltsamen Anekdoten über nächtliche Expeditionen deutlich. Die Himmelhunde suchen im Bann der Todeskralle in den schmuddeligen Garküchen Leipzigs nach einer besonderen japanischen Nudelsuppe, bis es schließlich in einem halbprivaten Schießkeller zum finalen Showdown zwischen dem »Trommelrevolvermann« Dirty-Harry-Meyer und dem »Automatikrotzer« Nießen kommt. Dass beide aus der ganzen Sache irgendwie lebend wieder herausgekommen sind, quittiert das Publikum mit Beifall.


Die Veranstaltung: Clemens Meyer und Claudius Nießen sprechen über Zwei Himmelhunde, Forum Die Unabhängigen, 19.3.2016, 14 Uhr

Das Buch: Clemens Meyer und Claudius Nießen: Zwei Himmelhunde – Irre Filme, die man besser liest. Voland & Quist, Leipzig 2016, 192 Seiten, 18,00 Euro


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Der Rezensent: Kay Schier

 


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