Steampunk-Krimi wird zur Komödie

Retro-futuristische Show zum Roman »Steamtown – Die Fabrik«.

Ein Zuschauer in Steampunk-Kostüm. © Helen Reményi
Ein Zuschauer in Steampunk-Kostüm. © Helen Reményi

Eine große Traube hat sich um die Bühne des Forums Literatur und Hörbuch gebildet. Das Publikum ist bunt gemischt, aber vor allem junge Leute erscheinen zur Show, einige sogar in Steampunk-Kostüm. Von vornherein wird vermittelt, dass hier nicht einfach nur vorgelesen wird. Als Mitautor Carsten Steenbergen und Hörbuchsprecher Detlef Tams von »Steamtown – Die Fabrik« die Bühne betreten, kündigen sie an, dass zuerst der Applaus geübt wird. Das Publikum macht mit – zunächst zögerlich, dann, nach ein wenig Animierung, beherzter. Tams erklärt, dass sie normalerweise Hörspielsounds dabei hätten, um die Lesung zu untermalen. Diesmal allerdings nicht. Dafür soll das Publikum sorgen und diverse Geräusche ersetzen.

Steenbergen und Tams lesen eine Stelle, in der Spuren in einem rätselhaften und bestialischen Mordfall den Ermittler Eric van Valen und seinen Gehilfen, den Wiedergänger Mister Ferret, zum Coleman Asylum führen. In der Heilanstalt für Geisteskrankheiten stoßen sie jedoch nur auf weitere Rätsel. Interaktiv und mit kleinen Schauspieleinlagen tragen sie den Ausschnitt vor. Während man Steenbergen das Gefühl für die Figuren und die Handlung anmerkt, wird bei Tams die Spannung durch Spaß ersetzt. Er verrutscht zwischen den Zeilen, verwechselt Charaktere und überbrückt das mit scherzhaften Kommentaren – ein komödiantischer Entertainer. Aber er hat die Zuhörer, zumindest die meisten, auf seiner Seite. Sie lachen und hören weiterhin gebannt zu.

Detlef Tams und Carsten Steenbergen. © Helen Reményi
Detlef Tams und Carsten Steenbergen. © Helen Reményi

Denn es ist im Grunde eine spannende Geschichte. Bis zur letzten Seite – und sogar darüber hinaus – muss der Leser immer neue Mysterien lösen und Hindernisse überwinden, was auf die Fortsetzung hoffen lässt. Es wird nie langweilig. Nur anfangs ist es schwierig, in den Roman hineinzufinden. Während sich zu Beginn sehr kurze Sätze finden, die teilweise aus nur zwei Wörtern bestehen, folgen im nächsten Teil Sätze, die sich über einen ganzen Absatz ziehen. Zudem ist der Text mit hochtrabenden Wörtern gespickt.

Reményi_Steampunk_Cover_2016-03-19Möglicherweise ist manches davon auf die Art der Entstehung zurückzuführen: Nicht nur, dass drei Autoren daran gearbeitet haben, »Steamtown – Die Fabrik« ist außerdem ein Fortsetzungsroman, dessen Abschnitte nach und nach online erschienen. Auf diese Weise konnten Fans und Gastautoren an einigen Stellen mitbestimmen. Die Charaktere, die dabei zustande kamen, sind facettenreich: ein naiver Ermittler, ein Wiedergänger mit trockenem Humor und ein drogensüchtiger Pater. Das alles ist eingebettet in ein dem viktorianischen Zeitalter ähnelndes Setting, mit dem Unterschied, dass Energie aus Plasma bezogen wird, Monsterfrösche mit Krallen Bewohner der Kanalisation attackieren und plasmabetriebene Leichen, alias Wiedergänger, im Dienste des Ministeriums stehen. Alles in allem ist »Steamtown« ein seichter Einstieg in die Welt des Steampunks.


Die Veranstaltung: Steamtown LIVE – Steampunk trifft Pulp Crime, interaktive Lesungsinszenierung mit Carsten Steenbergen und Detlef Tams, Buchmesse, Halle 3, Stand B500, 19.3.2016, 13 Uhr

Das Buch: Carsten Steenbergen, T. S. Orgel: Steamtown – Die Fabrik. Papierverzierer, Essen 2015, 424 Seiten, 14,95 Euro, E-Book 5,99 Euro, mp3-Hörbuch 2-teilig je 4,99 Euro


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Die Rezensentin: Helen Reményi

 


 

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