Stauffenberg – Symbolfigur des deutschen Widerstands?

Ein gänzlich neues Bild auf den Hitlerattentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg verspricht dessen Biograf Thomas Karlauf. Seine Lesung in Leipzig krankt daran, dass der Autor sich selbst zu sehr in den Vordergrund spielt.

© Blessing Verlag

Wie man eine Lesung besser nicht beginnen sollte, beweist der Autor Thomas Karlauf am Freitagabend in der Alten Nikolaischule. Mit einem Grinsen wendet er sich an die Zuhörer in der aus allen Nähten platzenden Richard-Wagner-Aula. Er habe hier ja ersichtlich ein »lesendes Publikum« vor sich. Beim Besuch der Messe sei er sich da ja angesichts des Aussehens vieler junger Besucher nicht so sicher gewesen. Eine Spitze gegen Cosplayer und Mangafans, die das Publikum mit lauten Unmutsbekundungen quittiert.

Schließlich ist der Rahmen der Veranstaltung auch ein gänzlich anderer. Zum 75. Jahrestag der Verschwörung vom 20. Juli 1944 hat Thomas Karlauf eine neue Biografie über Claus Schenk Graf von Stauffenberg vorgelegt. In dieser nähert er sich sowohl der Person Stauffenberg als auch dessen schwieriger Rezeption in Deutschland an. Den gescheiterten Hitlerattentäter zeichnet Karlauf hierbei als einen Mann, der angesichts der bevorstehenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht von moralischen, sondern allein von militärischen Beweggründen gelenkt worden sei.

Dass das Buch ein Bestseller ist, verrät bereits der rege Andrang. Nach der missratenen Spitze vom Anfang ist die Stimmung im Saal allerdings bereits merklich abgekühlt. Hinzu kommt, dass Karlaufs Buch nicht unumstritten ist. Insbesondere im deutschen Feuilleton hat sich der Autor mit seiner Biografie nicht nur Freunde gemacht. So bemängelte etwa die Stauffenberg-Enkelin, Karlauf habe ihrem Großvater zu Unrecht jegliche Moral abgesprochen. Seine Genugtuung über derlei Kritik kann der Autor in seinem Vortrag kaum verhehlen.

Da Karlauf während der gesamten Veranstaltung immer wieder auf die Aufnahme seines Werkes in der Presse zurückkommt, ist es teilweise schwierig, einen roten Faden in seinem Vortrag zu erkennen. Grundsätzlich möchte er den Menschen Stauffenberg wieder ins Zentrum rücken. Man wisse zwar viel über die Verschwörung um den 20. Juli, argumentiert er, die Figur Stauffenberg bleibe jedoch meist vage. Aus erinnerungspolitischen Gründen ist das durchaus verständlich, eignet sich doch ein hochrangiger Wehrmachtsoffizier und Antidemokrat in der heutigen Zeit nur bedingt als Symbolfigur. An diesem Abend rückt Thomas Karlauf jedoch vor allem den Menschen Thomas Karlauf ins Zentrum. Bei einigen Besuchern sorgt derlei Egozentrik für Befremden. »Ich geb’s zurück«, raunt ein Besucher seinem Nebensitzer zu und zeigt auf sein frisch gekauftes Exemplar. Immer wieder verlassen Zuhörende während des Vortrags den Saal. Andere wiederum lauschen dem Autor andächtig.

Thomas Karlauf © Helmut Fricke

Dass der Autor an gleich zwei Stellen in verschwörerischem Ton von »absolut zuverlässigen Quellen« spricht, erregt eher Misstrauen. Diese Bekräftigung der eigenen Glaubwürdigkeit rührt wohl auch daher, dass Kritiker ihm – der er kein Historiker ist – zwar eine starke Stilistik, aber Mängel in der wissenschaftlichen Arbeitsweise bescheinigt haben. Von der eigenen Wichtigkeit der Arbeit ist Karlauf felsenfest überzeugt. In seinem Buch sieht er einen Vorstoß zu einer breiten Debatte um den 20. Juli. Wie schwierig eine solche sei, habe ja das Aufsehen um seine Biografie gezeigt: »Wer am Bild von Stauffenberg kratzt, kratzt an der Identität der Deutschen«.

Derart kontrovers, wie er sich zeichnet, ist der Autor mit seinen Aussagen aber gar nicht. Dass Stauffenberg in erster Linie politisch-militärisch motiviert war, ist in der Geschichtswissenschaft weitgehend Konsens. Auch dass der spätere Attentäter zunächst glühender Anhänger des NS-Regimes war, ist kein Geheimnis. Als Beispiel für die von ihm vermutete unkritische Haltung zum deutschen Widerstand führt er Marion Gräfin Dönhoff, die langjährige Chefredakteurin der ZEIT, oder den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker an. Beide Beispiele gehören doch deutlich schon der Vergangenheit an.

Zugutehalten könnte man Karlauf höchstens, dass er die Debatte, wie man dem gescheiterten Attentat 75 Jahre später gedenken soll, weiter in die breite Öffentlichkeit trägt. Das macht er, soviel wird deutlich, weniger mit Fingerspitzengefühl als »mit der Brechstange«. Am Ende hinterlässt Thomas Karlauf in Leipzig aber ein gespaltenes Publikum. Die eine Fraktion spendet dem Autor frenetisch Beifall. Andere hat sein die Grenze des Selbstherrlichen streifender Vortragsstil wohl eher vom Kauf des Buches abgeschreckt.

Beitragsbild: Thomas Karlauf stellt seine Stauffenberg-Biografie in der Alten Nikolaischule vor. © Moritz Fehrle


Die Veranstaltung: Thomas Karlauf liest aus »Stauffenberg. Porträt eines Attentäters«, Alte Nikolaischule, 23.3.2019, 19 Uhr


Das Buch: Thomas Karlauf: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters. Blessing, München 2019, 368 Seiten, 24 Euro, E-Book 23,99 Euro


 

 

 

Der Rezensent: Moritz Fehrle

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