Sprache des Lichts

Warum ein Fotograf für seine Biografie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2019 erhält.

 

Dass die Auftaktveranstaltung zu Leipzigs jährlichem Literaturfestival im Herbst bei einigen für Unmut gesorgt hat, lag ausschließlich daran, dass ungefähr die Hälfte der anstehenden Gäste noch vor Veranstaltungsbeginn wieder fortgeschickt werden mussten – der Saal im Alten Rathaus war bis weit über den letzten Stuhl besetzt.

Für alle, die einen Platz ergattert hatten, begann um 19 Uhr ein beeindruckender Abend. Schon während die kleine Delegation in dem holzgetäfelten Saal nach vorne schreitet, breitet sich Stille aus. Sebastiao Salgado nimmt Platz neben dem Chefkorrespondent des Deutschlandfunks, Stephan Detjen, der an diesem Abend sein Gesprächspartner sein wird.

Als Oberbürgermeister Burkhard Jung zur Begrüßung ansetzt, eröffnen die anwesenden Fotografen das Feuer. Selbst die, die bis dahin noch nichts von Salgado gehört haben, begreifen plötzlich die Tragweite dessen, was sich an diesem Montag Abend in Leipzigs Stadtzentrum abspielt.

Sebastiao Salgado ist Fotograf von Weltrang. Nachdem er in seiner Heimat wegen seines linkspolitischen Einsatzes gegen die Militärdiktatur mit dem Gefängnis bedroht wird und als Flüchtling mit seiner Frau das Land verlässt, zeigt er in seinen Fotografien nun das sich weltweit ausbreitende Leid von Klima- und Kriegsflüchtlingen.

Der Erde als Lebensraum – hart umkämpft oder verlassen – ein Denkmal setzen – nicht weniger strebte der Fotograf an. Doch nach Jahrzehnten der Arbeit, nach Projekten wie »Gold«, zu den Arbeitern in einer Mine im brasilianischen Serra Pelada und der Dokumentation von Opfern brutaler Bürgerkriege und Hungersnöte leidet er selbst zunehmend unter dem, was er tagtäglich sehen muss. Ein Arzt sagt ihm ganz klar: wenn er sich weiter diesem unvorstellbaren Leid aussetzt, wird er selbst sterben. Das Fazit, welches er selbst im Dokumentarfilm seines Freundes Wim Wenders, »Das Salz der Erde«, zieht, zeugt von seinem Schmerz: »Wir Menschen haben es nicht verdient zu leben.«

Salgado kehrt, innerlich verwundet, zurück in seine Heimat, von der er voller Demut und Bewunderung spricht, die Fazenda seiner Familie im brasilianischen Aimorés. Eine Landschaft mit »besonderen Lichtverhältnissen«, in der er als Kind tagelang allein umherritt, und sich lehren ließ, was er später festhalten würde. Als er die Farm erreicht, ist von dem Paradies nicht mehr viel übrig – die Wälder sind abgeholzt, die Böden erodiert.

Doch Salgado ist eben nicht nur ein vielfach ausgezeichneter Fotograf, er ist Aktivist. Statt Fotos zu schießen, pflanzen er und seine Frau mehr als zwei Millionen Bäume, um den Regenwald zu erhalten. Das Gebiet ist mittlerweile zum Nationalpark erklärt worden und gehört dem brasilianischen Staat.

All das und mehr berichtet Salgado an diesem Abend, Schauspielerin Verena Noll liest aus seiner Autobiografie »Mein Land, unsere Erde«.

Und natürlich fotografiert der 75 Jährige wieder. Für sein Projekt »Genesis« hat Salgado unberührte Natur porträtiert. Keine Lebensgefahr – zum Glück für uns, zum Glück für unsere Erde.

LINN PENELOPE MICKLITZ

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