»Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist«

Eine berührende Lesung mit Gedichten von Else Lasker-Schüler und sechs afghanischen Jugendlichen.

Die Veranstaltung »Poesie junger Geflüchteter: Meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen«  im Grassi Museum für Völkerkunde will eine Brücke schlagen. Es soll eine Brücke zwischen deutscher und persischer Poesie werden, eine Verbindung der Lebensgeschichten einer jüdisch-deutschen Dichterin und jungen afghanischen Poeten.

Der Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis wurde in diesem Jahr an Kahel Kaschmiri, Samiullah Rasouli, Yasser Niksada, Ghani Ataei, Shahzamir Hataki, Mahdi Hashemi und ihren Übersetzer Aarash D. Spanta verliehen.

Hajo Jahn, der Moderator des heutigen Abends und Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen der bedeutenden Vertreterin des Expressionismus und den Gewinnern des ihr gewidmeten Lyrikpreises. Lasker-Schüler habe sich immer für die Versöhnung von Christen, Juden und Muslimen eingesetzt, hatte großes Interesse für den Orient und musste 1932 aus ihrer Heimat fliehen.

Während Jahn das Werk der Dichterin vorstellt, werden auf einer großen Leinwand hinter ihm Landschaftsaufnahmen aus Afghanistan von der Spiegel-Journalistin Susanne Koelbl eingeblendet. Die schneebedeckten Berge des Hindukuschs. Schafe auf einer hellgrünen Wiese. Kabul im rötlichen Schein der untergehenden Sonne. Die Fotografien deuten die Zartheit und Weite an, welche aus der Poesie der jungen Afghanen sprechen wird.

Koelbl und Spanta gründeten 2015 das »Poetry Project« für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Berliner Notunterkünften. In einem Gedichte-Workshop verfassten die Jugendlichen Texte in ihrer Muttersprache, die Spanta simultan ins Deutsche übersetzte.

Als Kahel Kaschmiri auf die Bühne tritt, werden großformatige Fotos der Jugendlichen eingeblendet. Er trägt gefühlvoll seine Gedichte auf Farsi vor und rührt damit einige seiner Zuhörer zu Tränen. Jahn liest die deutsche Übersetzung und zitiert Texte der anderen Preisträger.

Spanta fungiert an diesem Abend nicht nur als Übersetzer der Sprache. Er beantwortet Fragen zur afghanischen Kultur, persischen Poesie und iranisch-afghanischen Politik. Dabei zeigt er großes Einfühlungsvermögen für seine Schützlinge, das dem Moderator des Abends, dessen Fragen sich oft am Rande des Klischees bewegen, fehlt. Dieser erwähnt die Kölner Silvesternacht als Beispiel für Probleme mit Migranten und fordert im selben Atemzug den Jungen auf, sein Gedicht »Mutter« vorzutragen.

Es ist bewegend, wie die jungen Menschen in lyrischer Form von ihren Kriegs- und Fluchterfahrungen erzählen können. Aus ihren Gedichten sprechen unglaublicher Schmerz, Liebe, Angst, Trauer und Sehnsucht. Sie vermitteln zugleich Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.

Das »Poetry Project« zeigt, wie stark die Stimme junger Menschen sein kann, wenn sie die Möglichkeit bekommen, sich auszudrücken. Informationen zum Projekt und die Anthologie »Allein nach Europa« sind unter thepoetryproject.de zu finden.

Beitragsbild: Kahel Kaschmiri (links) Aarash D. Spanta (rechts) und Hajo Jahn (Mitte). © Karla Aslan


Die Veranstaltung: Poesie junger Geflüchteter: Meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen, Moderation: Hajo Jahn, Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig, 18.3.2018, 19 Uhr

Das Buch: Ali Ahmade, Ghani Ataei, Mahdi Hashemi, Shahzamir Hataki, Kahel Kaschmiri, Mohamad Mashghdost, Yasser Niksada and Samiullah Rasouli: Allein nach Europa. The Poetry Project, Berlin 2017, 64 Seiten, 8 Euro


 

 

Die Rezensentin: Karla Aslan

 


 

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