Schweizer Tausendsassa

Im Mendelssohn-Haus wird zum 150. Todesjahr dem Universaltalent Ignaz Paul Vital Troxler gedacht.

Wie kann ein Mensch Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker zugleich sein und neben all diesen Berufungen mit Leib und Seele als Gerechtigkeitskämpfer, treuer Freund und liebender Familienvater agieren? Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) konnte das. Im Museum, das Felix Mendelssohns Erbe bewahrt, wird dieser außergewöhnlichen Schweizer Persönlichkeit nachgespürt. An dem spätklassizistischen Ort fällt es denkbar leicht, sich zwischen Wandreliefs, Biedermeierstühlen, alten Dielen und einem glänzenden Holzflügel in die Zeit zurückzuversetzen, in der Troxler lebte.

Franz Lohri. © Futurum Verlag
Franz Lohri. © Futurum Verlag

Jonathan Stauffer vom Futurum Verlag stellt gleich zu Beginn die Bedeutung des Universaltalents heraus: »Wir könnten nicht über die Schweiz so reden, wie wir es heute tun, wenn es Troxler nicht gegeben hätte.« Man ist nicht sofort in der Lage, diesen Tenor mit dem unbekannten Namen in Einklang zu bringen. Doch Stauffer gibt zu, selbst unter Schweizern stoße man auf fragende Gesichter, sobald dieser Name falle. Aus diesem Grund hat es sich Franz Lohri zur Aufgabe gemacht, Troxlers Wirken vor dem Vergessen zu bewahren und den Reichtum seines Nachlasses aufzuzeigen. Lohri, selbst Schweizer Pädagoge und Biologe, hat deswegen das 1980 erschienene Werk Max Widmers »Ignaz Paul Vital Troxler – Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker« nun in einer erweiterten Neuauflage herausgegeben.

Bollag_CoverBuch_2016-03-18Der anfangs schweigsame Autor lässt zunächst die Lektorin Nana Badenberg aus einem essayistischen Teil des Buches lesen. Badenberg, zwischen den zwei adretten Herren sitzend, bringt in ihrer natürlichen Aufmachung, buntem Halstuch und ihrer kräftigen und melodischen Stimme Farbe und Dynamik in die Runde. Das Gespräch der Herren hingegen verläuft starr und wirkt beinahe zu kalkuliert.

Lohri, dessen Blick sich im Laufe des Abends träumerisch in allen Ecken des Raumes verliert, beginnt, mit starkem Schweizer Akzent die Geschichte des Tausendsassas Troxler zu erzählen, wissend, aber nicht belehrend, bewundernd und doch vollkommen nüchtern. Mit seinen anschaulichen kontextualisierenden Ausführungen entwirft er die Lebenslinien des Mannes und schafft es, das Publikum für diese schillernde die Figur aus einer anderen Zeit einzunehmen.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Troxler als Arzt, setzte mit seinem Vorschlag des Zweikammersystems einen Meilenstein für die politische Zukunft seiner Nation, lehrte sieben verschiedene Unterrichtsfächer und war Professor für Philosophie. Er hatte eine dreizehnköpfige Familie zu versorgen und pflegte einen großen Freundeskreis. Man kann nicht anders als staunen über Troxlers reiches Wirken. Wie viele Leben müsste man haben, um all das zu schaffen, was diese historisch so bedeutende Persönlichkeit in einem schaffte? Diese Frage treibt einen noch lange nach diesem lehrreichen Abend um.


Die Veranstaltung: Franz Lohri: Ignaz Paul Vital Troxler – Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker, Lesung: Nana Badenberg, Moderation: Jonathan Stauffer, Mendelssohn-Haus, 18.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Max Widmer und Franz Lohri: Ignaz Paul Vital Troxler – Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker. Futurum Verlag, Basel 2016, 351 Seiten, 21,80 Euro


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Die Rezensentin: Melanie Bollag

 


 

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