Schatten der Vergangenheit

Lesung und Gespräch mit Miranda Richmond Mouillot über das Schweigen ihrer Großeltern.

Schabbat Schalom. Anhänger des jüdischen Glaubens, sowie Interessierte und Neugierige versammeln sich im Ariowitsch Haus, um der Veranstaltung mit Miranda Richmond Mouillot beizuwohnen. Die jüdische, aber auch interkulturelle Begegnungsstätte ist der perfekte Ort, um in eine Vergangenheit einzutauchen, die noch heute viele Familien belastet.

Der Saal mit den hellen Wänden, der großen Fensterfront und dem Chanukka-Leuchter steht im Kontrast zu dem schweren Thema. In ihrem Buch »Anna und Armand« verarbeitet die Autorin eine Bürde, welche sie schon unbewusst seit ihrer Kindheit mit sich trägt: »Ich hatte eine Liste mit den Dingen erstellt, die ich im Falle einer Flucht mitnehmen würde.«

Seit fünfzig Jahren herrschte in ihrer Familie Schweigen. Dabei hat die Großmutter der Autorin viel mit ihr über den Krieg geredet. Sie musste fliehen, mehrmals. Als Jüdin war sie ständiger Gefahr ausgesetzt. Doch sie hat überlebt. Nicht nur während man das Buch liest, sondern auch bei der Veranstaltung ist die große Verbindung zwischen Richmond Mouillot und ihrer Großmutter präsent. Diese, so scheint es, war die größte Lehrmeisterin in dem Leben der Autorin. Selbst heute noch, nach dem Tod dieser wichtigen Bezugsperson, leuchten die Augen der jungen Frau, wenn sie an sie denkt und über sie erzählt.

Das Schweigen, welches sie und ihre Familie wie ein Schatten verfolgt, herrschte zwischen ihren Großeltern. Während Richmond Mouillot mit ihrer Großmutter und der restlichen Familie aufwuchs, lebte ihr Großvater noch immer in der Schweiz, in Genf. Als sie klein war, konnte sie sich nicht vorstellten, dass ihre Großmutter einen Mann gehabt hatte. »So taff wie sie, war, war ich überzeugt, sie hätte das mit den Kindern auch ohne einen Mann geschafft«, schmunzelt die Autorin.

Anna und Armand von Miranda Richmond Mouillot
Anna und Armand von Miranda Richmond Mouillot

Das Buch über die Geschichte ihrer Großeltern beschreibt zum einen eine leidenschaftliche Liebe, zum anderen ein trauriges Schicksal während des zweiten Weltkrieges. In dem Werk, vor allem aber während des Gespräches schafft es Richmond Mouillot, das Publikum nicht nur mit ihrer schönen Erscheinung zu bannen, sondern auch mit ihrer Erzählweise zu verzaubern. Dabei gelingt es ihr, die perfekte Waage aus humorvollen Kommentaren und ernsthaften Berichten zu halten. Auch die Moderatorin Sigrid Brinkmann trägt großartig zum Gelingen des Abends bei, denn sie übersetzt aus dem Englischen und schafft es, dass jede Pointe auch im Deutschen wirkt. Zur Krönung liest Ilija Richter auf nahezu perfekte Weise Ausschnitte aus dem Buch. Dem Publikum stockt hörbar der Atem. Alle sind begeistert, der Applaus hält lange an: alles in allem ein gelungener Abend.


Die Veranstaltung: Lesung und Gespräch mit Miranda Richmond Mouillot und Ilija Richter, Moderation: Sigrid Brinkmann, 18.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Miranda Richmond Mouillot: Anna und Armand. Limes Verlag, München 2016, 351 Seiten, 19,99 Euro


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Die Rezensentin: Anna-Sophia Schmidt

 


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