Restaurantgeflüster

Christoph Ribbat bittet zu Tisch.

Wie bereitet man sich am besten auf eine Lesung vor, in welcher aus einem Buch mit dem Titel »Im Restaurant« rezensiert wird? Richtig, man geht in ein solches. Man setzt sich nieder, studiert die Speisekarte, wählt ein Gericht und wartet geduldig bis man endlich das Essen serviert bekommt. Man könnte sich nun genüsslich seinem Mahl hingeben, die Komposition von Koriander, Curry und schwarzem Sesam auf sich wirken lassen. Aber es gelingt nicht. Am Nachbartisch sitzt eine Dame und unterhält den ganzen Saal, so dass es unmöglich ist, sich auf das Essen zu konzentrieren. Restaurants sind eben nie nur Orte, an denen gegessen wird, es sind Begegnungszentren an denen unterschiedlichste Menschen aufeinandertreffen. Darum geht es auch in Christoph Ribbats Doku-Roman, welchen er am Donnerstagabend in der Buchhandlung an der Thomaskirche vorstellte.

Christoph Ribbat liest aus »Im Restaurant«. © Isabel Schieck
Christoph Ribbat liest aus »Im Restaurant«. © Isabel Schieck

Vor der Lesung hebt der Autor hervor, dass »Im Restaurant« nicht das Werk eines Feinschmeckers, sondern das eines Beobachters und Kulturwissenschaftlers sei. Rezepte finde man darin, bis auf eines, vergebens. Ribbat beginnt seine Rezension mit den Berichten von Frances Donovan, welche 1917 in Chicago kultursoziologische Studien durchführte, indem sie als Kellnerin in verschiedenen Restaurants arbeitete.

Danach und auch später unterbricht der Autor die Lesung immer wieder, um seinen Roman und die darin verwendete Montagetechnik zu erklären. Das ist verständlich, schließlich bezeichnet der Suhrkamp Verlag selbst »Im Restaurant« als »Erzählexperiment«.

Cover_Ribbat_Im RestaurantEs gäbe, so der Autor, »Heldinnen und Helden, die immer wieder auftauchen« und andere, welche nur kurz Erwähnung finden. Einzelne Episoden verschiedener Zeitzeugen folgen sowohl im Roman als auch in der Lesung aufeinander. Ribbat springt von Erzählungen der Restaurantkritikerin Gael Greene, die ein Rendezvous mit Elvis Presley hatte, zu dem britischen Spitzenkoch Heston Blumenthal, welcher als einer der ersten mit der molekularen Küche experimentierte. Der Autor flicht jedoch nicht nur Protagonisten der gehobenen Gastronomie in seinen Doku-Roman ein. Auch die Geschichte von Mustafa Turgut wird erzählt, der nach Deutschland kommt um herauszufinden, warum sein Bruder 2004 in einem Döner-Imbiss erschossen wurde.

Beim Lesen des Romans funktioniert diese Gegenüberstellung von Ereignissen sehr gut, man gewöhnt sich nach einigen Seiten an diese Erzählweise. In der Lesung wirken Ribbats erklärende Unterbrechungen an mancher Stelle leider etwas unruhig und stehen in starkem Kontrast zu seiner sonst angenehm ruhigen und sonoren Vorlesestimme.

»Im Restaurant« lebt vor allen von der Auswahl der Episoden. Dieses sehr lesenswerte »Erzählexperiment« ermöglicht einen ungewöhnlichen Einblick in die 250-jährige Geschichte der kulinarischen Begegnungszentren.


Die Veranstaltung: Christoph Ribbat liest aus Im Restaurant, Buchhandlung an der Thomaskirche, 17.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Christoph Ribbat: Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne. Suhrkamp, Berlin 2016, 228 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 16,99 Euro

 


 

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Die Rezensentin: Isabel Schieck

 

 


 

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