Radio ist doch wirklich Humbug!

Die Redaktion des Leipziger Lokalsenders mephisto 97.6 nimmt erstmalig am Programm von Leipzig Liest teil – mit einer szenischen Lesung aus Caragiales »Humbug und Variationen« im Goldhorn.

Als Sebastian Guggolz bei der Lesung der Unabhängigen Verlage am Freitag die in seinem Verlag publizierte Erstübersetzung ins Deutsche von »Humbug und Variationen« vorstellt, kann man sich eine bessere Präsentation kaum vorstellen. Der rumänische Autor Ion Luca Caragiale galt wegen seiner Sprachraffinesse lange als unübersetzbar, dessen literarischer Charme kommt bei Guggolz Lesung aber wundervoll zur Geltung.

Das Team vom Radiosender mephisto 97.6 scheint auch beeindruckt zu sein, am Folgetag laden sie Guggolz zu einem Interview auf ihrer Bühne in der Glashalle ein und am letzten Messetag lesen sie schlussendlich selbst in einem Team mehrerer Sprecher aus »Humbug und Variationen« vor. Als Ort hat Felix Krause, leitender Literaturredakteur, das gemütliche Etablissement »Goldhorn« auf der Eisenbahnstraße ausgewählt. Schon beim Eintreten kommt man in die richtige Stimmung für eine letzte abendliche Lesung an diesem Messewochenende: Das Licht ist angenehm schummerig, fast schon zu dunkel, um hier lange wach bleiben zu können. An der Wand hinter dem breiten Lesetisch erstreckt sich eine mit mehrfarbiger Beleuchtung geschickt in Szene gesetzte Wandmalerei eines Sternenhimmels, welcher zum Inhalt des gelesenen Buches allerdings nicht so ganz passen will. Immerhin drehen sich Caragiales Texte vor allem um seine rumänische Heimat, auch wenn diese natürlich irgendwo im Weltall zu finden ist.

Die nationale Identität wird in »Humbug und Variationen« aber ohnehin aufs Korn genommen. Mit einiger Verspätung (fast einer Dreiviertelstunde, um genau zu sein) begeben sich die sechs Sprecher auf die Bühne und das Spektakel beginnt. Möchte man zumindest meinen, denn wirklich spektakulär wird dieser Abend nicht, wenn auch sprecherisch solide umgesetzt. Bei einer szenischen Lesung ist das Potential der künstlerischen Umsetzung per se groß, die von der mephisto-97.6-Redaktion verwendeten Mittel bleiben jedoch fürs Erste eher vorsichtig dosiert. Die Sprecher tauschen ihre Plätze um Szenenwechsel anzuzeigen, hier und da werden von Krause eingesprochene Audios abgespielt und man nutzt die Menge der Sprecher gut aus, um Dynamik zu erzeugen. Einige von ihnen sind, zumindest gefühlt, eher für die Stimmvarianz hier, als für eine große Performance. Andere, wie der leitende Hörkunstredakteur David Seeberg, liefern an diesem Abend jedoch ganz großes (Hör-)Kino ab. Wenn er mit Inbrunst den polemischen Printjournalisten mimt, welcher versucht, die richtigen Worte zu finden, findet er dabei eine wunderbare Balance zwischen überzeichnendem Witz und den tiefgreifendem gesellschaftlichen Nadelstichen Caragiales. Mehr als dessen scharfsichtige Wortspielerei und das Team von mephisto 97.6 als Medium dafür braucht es an diesem Abend auch nicht, um das prall gefüllte Goldhorn gut zu unterhalten. Allzu viel weniger hätte es dann aber auch nicht sein dürfen. Man kann dem Radiosender letztendlich einen guten Start in seine Teilnahme am Lesefest der Buchmesse (Vorsicht: Wortwitz) verbuchen und ihm viel Erfolg für eine eventuelle Weiterführung im kommenden Jahr wünschen!

Beitragsbild: In irgendeinem dieser Sternensysteme liegt auch das im Buch persiflierte Rumänien. © Maximilian Enderling


Die Veranstaltung: mephisto 97.6 liest! Humbug und Variationen von Ion Luca Caragiale. Im Goldhorn, Sonntag den 18. März 2018, 19 Uhr.


 

 

Der Rezensent: Maximilian Enderling

 


 

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