Poetry Slam auf Papier?

Friedrich Herrmann zeigt, wie’s geht! „Notizen eines Linkshänders“ wirken fast wie live vorgetragen.

© Lektora

Beim Durchforsten der über 3.000 Veranstaltungen, die beim diesjährigen Lesefestival Leipzig liest stattfinden sollten, fiel mir gleich ein Titel auf: „Notizen eines Linkshänders“. Mir kamen sofort meine eigenen durch-meine-linke-Hand-verschmierten Texte in den Sinn, die ich so über die Jahre produziert habe und mein Interesse war geweckt. Als ich erfuhr, dass die Veranstaltung nicht stattfinden würde, war ich enttäuscht. Das Buch konnte meine Enttäuschung jedoch schnell wettmachen.

„Notizen eines Linkshänders“ ist eine Textsammlung des Poetry Slammers Friedrich Herrmann und ist 2019 im Lektora-Verlag erschienen. In diesem Buch vervollständigen seine Handschrift und die Illustrationen seines Bruders, Paul Herrmann, seine Texte. Die 19 Stücke reichen von kurzen, unterhaltsamen Texten zu mehrseitigen Texten voll von Wortspiel und Gesellschaftskritik. Herrmann behandelt in seinen Texten die unterschiedlichsten Themen: Er schreibt von seinem eigenen Leben, kritisiert unsere Gesellschaft und erfindet absurde Geschichten. Ganz nach dem Motto: „Man kann immer nur an einem Faden spinnen, doch die andern immerhin erdichten“, welches er im ersten der Texte aufgreift.

Der Autor Friedrich Herrmann. © Lektora

Herrmanns Texte sind eigentlich dafür bestimmt, laut vor einem Publikum vorgetragen zu werden. Deshalb kann man schon seine Zweifel haben, bevor man dieses Buch liest. Manch einer mag sich fragen: Macht es überhaupt Spaß, die Texte zu lesen? Wirken sie überhaupt lebendig? Diese Zweifel lösen sich in Luft auf, sobald man den ersten Text gelesen hat.

Durch Friedrich Herrmanns Handschrift und die passenden Illustrationen seines Bruders, der übrigens auch Linkshänder ist, wirken die Texte fast so lebendig und emotional, als würden sie auf einer Bühne vorgetragen werden. Es handelt sich hierbei also nicht bloß um ein „normales“ Buch. Die Umsetzung ermöglicht es, die Mündlichkeit und Lebendigkeit der Texte wahrzunehmen, ohne Friedrich Herrmann jemals auf einer Bühne gesehen zu haben. Die detailreiche und liebevolle Gestaltung macht es zu einem besonderen Erlebnis. Man schmunzelt, ist von den Zeichnungen begeistert, und kann sich selbst in einigen der Texte wiederfinden.

Die Textsammlung spiegelt die Vortragsweise der Texte durch ihre handschriftlichen und illustrierten Elemente sehr gut wieder. Dadurch wirken die Texte lebendig und regen zum Weiterlesen an. Das Buch ist für jeden Poetry Slam-Fan eine gute Wahl: Es ist unterhaltsam, regt aber auch zum Nachdenken an.


Das Buch: Friedrich Herrmann: Notizen eines Linkshänders. Lektora, Paderborn 2019, 80 Seiten, 12,90 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Lis Funck

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.