Pilsner Urquell und tschechischer Humor

Jaroslav Rudiš über traurige Verlierer und seine Liebe zum Bier.

Jaroslav Rudiš trinkt gerne Bier. Am liebsten tschechisches. Gleich zu Anfang der Lesung verkündet er dem Publikum ein verkanntes Datum der tschechischen Geschichte: der 5. Oktober 1842. An diesem Tag wurde zum ersten Mal Pilsner Urquell gebraut. Seither lieben die Tschechen das Bier – und Kneipen: Kneipen, in denen dreckige Witze gerissen werden und die Barfrau ein bisschen verbraucht aussieht, Kneipen, in denen Stammgäste auf dem Tresen einschlafen und schräge Vögel wirre Geschichten erzählen – Kneipen, die ziemlich weit entfernt sind von der Alten Handelsbörse in Leipzig, die heute Abend mit Kronleuchter und Stuck protzt. Die Menschen, die Rudiš beschreibt, sind das Gegenstück der bebrillten Mittfünfziger, denen bei Rudiš derben Beschreibungen Röte ins Gesicht steigt. Davon lässt sich der Autor aber nicht beirren. Lässig nippt er an seinem Bier und erzählt von der Tradition der tschechischen Kneipengeschichte und durchgeknallten Typen.

Einen dieser Typen hat Rudiš in einer Kneipe getroffen, und er habe ihm, nach dem dritten oder sechsten Bier, eine unglaublich traurige Geschichte erzählt. Das sei die Geburtsstunde des Antihelden seines Romans »Nationalstraße« gewesen: Vandam.

Vandam ist Exknacki, Exjunkie und vor allem ein Kämpfer, einer, dem ab und zu die Faust ausrutscht, weil er, so seine liebste Stammtischparole, den Leuten zeigt, »wie das Leben läuft«. Er wohnt am äußersten Stadtrand von Prag in einer riesigen Plattenbausiedlung. Die Abende verbringt er in seiner Stammkneipe Severka, säuft, schwadroniert über Politik und das Leben. Was er da so von sich gibt, ist meistens ziemlich ekelhaft: Frauen, die ständig von Emanzipation reden, wollen eigentlich nur richtig gebumst werden. Ausländer sind nur okay, wenn sie keinen Stress machen.

»Nationalstraße« ist der Monolog eines verzweifelten Verlierers, der hinter der Fassade des Proleten eigentlich ziemlich belesen ist. Seine Sprache ist fast so stark, wie seine Oberarme. Vandam, der eine geradezu manische Faszination für den Krieg hat, führt eigentlich selbst die ganze Zeit Krieg, nämlich gegen sich selbst, sich und seine Faust, sich und seine Vergangenheit, voller unheimlicher Geister: einem Vater, der vom Balkon springt, und einer wahnsinnigen Mutter, die allein durch den Wald irrt.

So dramatisch diese Geschichte klingt, oftmals ist sie ziemlich unterhaltsam. »Tschechischer Humor eben«, wie Vandam sagt. Rudiš, der in fast perfektem Deutsch aus seinem Roman vorliest, erntet einige Lacher für absurde Szenen, die einen bitteren Nachgeschmack haben: Der kranke Vater, wie er nach dem Abendessen das Rumsen auf der Toilette »Stalingrad« nennt, oder Vandam, der den Hintern der Barfrau rühmt.

Rudiš hat sein Bier abgestellt und gestikuliert beim Vorlesen. Einige schütteln den Kopf. Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass dieser junge sympathische Mann diesen Text geschrieben hat, so authentisch wirkt der Monolog. Der Moderator nippt grinsend an seinem Bier. Er habe er noch eine Frage. Dieser Vandam, der mit seinen patriotischen Parolen so erschreckend aktuell sei, würde der auch bei Pegida mitlaufen?

Jetzt grinst Rudiš. Nein, dafür sei er viel zu eigenständig, ein Nihilist, der seine Parolen wohl einstellen würde, wenn man ihn einmal umarmte. Er stehe aber trotzdem für etwas, das ihn sehr beschäftige: die tschechische Angst vor dem Fremden. Das sei eine große Baustelle. Wenn man sich Vandam als tschechischen Prototypen vorstelle, dann sei es nicht die einzige. Zum Glück sind die Tschechen aber ein witziges Völkchen, sagt Rudiš. Diesen bitteren Humor, den brauche es eben, um nicht im böhmischen Biermeer zu ersaufen.


Die Veranstaltung: Kulturnächte von MDR und Leipziger Buchmesse. Jaroslav Rudiš liest aus seinem Roman Nationalstraße. Moderation: Tobias Kluge, Alte Handelsbörse, 16.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Jaroslav Rudiš: Nationalstraße. Luchterhand, München 2016, 160 Seiten, 14,99 Euro


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Die Rezensentin: Marie Kraja

 


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