Philosophie und Poesie melodisch vereint

Der Leipziger Literaturverlag trotzt der Absage der Leipziger Buchmesse und lädt zum „Lesekonzert“ des Buches Zhuangzi ein.

„Schulen und Universitäten werden geschlossen, Deutschland wird zum Risikogebiet erklärt und Länder wie Tschechien beschließen einen Einreisestopp.“ – Gerade eben saß ich noch in der Tram, starrte auf mein Handy und las entgeistert eine Corona-Hiobsbotschaft nach der anderen. Nun aber befinde ich mich im hell erleuchteten Kulturgenussladen des Leipziger Literaturverlags und genieße die entspannte Ruhe, die der wohnliche Raum ausstrahlt und die den Aufruhr der Außenwelt sanft in weite Ferne rückt. Es ist eng hier, aber nicht ungemütlich. Etwa 20 Menschen haben es sich auf überraschend komfortablen Klappstühlen bequem gemacht – trotz der offiziellen Absage der Buchmesse und des Lesefests Leipzig liest. Unbeschwert blicken sie auf eine kleine, leicht erhöhte Bühne. Dort sitzen drei Menschen. Einer von ihnen ist Viktor Kalinke, der mit bedachter Stimme Verse aus dem von ihm neuübersetzten Buch „Zhuangzi“ vorträgt. Zur Seite stehen ihm dabei die aus Shanghai stammende Ya Dong mit ihrer Pipa – einem einer Laute ähnlichen Zupfinstrument – und der Perkussionist Wolfram Dix. Riesige, von Thomas Baumhekel bemalte Leinen voller chinesischer Kalligrafiekunst hängen an den Wänden und verleihen der Szene einen imposanten und ehrwürdigen Hintergrund.

Das Buch „Zhuangzi“ – entstanden vermutlich im 4. Jahrhundert vor Christus durch die Hand des gleichnamigen Philosophen – ist ein Klassiker der chinesisch-daoistischen Literatur. Kalinkes Neuübersetzung ist das Produkt einer zehnjährigen Arbeit und liefert erstmals eine vollständige deutsche Fassung des Buches. Im Wesentlichen handelt es sich bei „Zhuangzi“ um eine Sammlung von Anekdoten, Allegorien und Fabelgeschichten, die sich verbinden zu einem harmonischen Fundus philosophischen Denkens und ästhetischer Poesie. Stets wird dabei die Freiheit des Denkens propagiert und jede erdenkliche Ordnung in Frage gestellt. Weltberühmt geworden ist unter anderem die Passage, in welcher Zhuangzi träumt, er sei ein Schmetterling, und daraufhin das Wesen von Einbildung und Realität auf den Kopf stellt. In dieses und andere Sinnbilder wirft uns Kalinke im Laufe des Abends, stets mit sichtlicher Freude am Lesen.

Begleitet wird er dabei von Dongs und Dix‘ fabelhaften musikalischen Einlagen. Mal klingt in ihrem Spiel der unverkennbare Einfluss traditioneller chinesischer Musik wieder, mal stürzen sie sich in modernste Klangexperimente. Dann verwandelt sich Dongs Fingertechnik von einem sanftmütigen Zupfen der Pipa-Saiten in ein energisches Strumming, das wohl selbst Jimi Hendrix noch ins Staunen versetzt hätte. Dix wiederum liebkost seine zahlreichen Schlag- und Klanginstrumente hier mit einem bedächtigen Streicheln, dort paukt er kraftvoll auf sie ein oder reibt sie stürmisch aneinander. Beide zusammen erzeugen ein mächtiges Ton- und Geräuschspektrum, das bei aller Wechselhaftigkeit nie ins Unauthentische oder Widersprüchliche kippt. Auch verliert der Raum zu keinem Zeitpunkt seine friedvolle Grundatmosphäre. Selbst gegen Ende dieses „Lesekonzerts“, als Dix mit einem imposanten Trommelsolo besticht und Dongs Finger in unfassbarer Geschwindigkeit über die Saiten ihrer Pipa rasen, bildet die Musik eine angenehme Synthese mit den besinnlichen Versen Zhuangzis.

Nach einer letzten Zugabe entlässt das Publikum Kalinke, Dong und Dix mit einem langanhaltenden Applaus. Ich selbst verlasse den Kulturgenussladen mit der wohligen Gewissheit, dem Newsticker auf meinem Handy nun eine angemessene Besonnenheit entgegensetzen zu können. Zhuangzi sei Dank.


Der Rezensent: Jakob Vogel

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