Ostdeutsche Identität als Generationenfrage

Gibt es eine ostdeutsche Identität? Und wie nehmen die verschiedenen Generationen den Ost-West-Konflikt wahr? Diesen Fragen versuchte eine Podiumsdiskussion zum Buch „Guter Osten, böser Osten“ im Zeitgeschichtlichen Forum nachzugehen.

Die Antworten auf die Frage nach der subjektiven Wahrnehmung von ostdeutscher Identität fielen je nach Alter der Gäste im gut gefüllten Saal des Zeitgeschichtlichen Forums unterschiedlich aus. Während Historiker Sascha Lange, der einen Großteil seiner Jugend in der DDR erlebte, vor allem den Wunsch nach einem schönen, selbstbestimmten Leben abseits von Karrieregedanken betonte, bezogen sich die jüngeren ZEIT-Journalistinnen in der Runde auf Erlebnisse und Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern. Besonders die Frauen in den Familien wurden als sehr selbstbewusst, sogar hart wahrgenommen. Sie hatten die Hosen an und stemmten den Alltag, ohne sich auf feministische Vorbilder aus dem Westen zu beziehen. Eine Art ostdeutsche Identität damit greifbar zu definieren, gelang aber nicht.

Schnell konzentrierte sich die Diskussion auf die Nachwendezeit und die Wahrnehmung der ostdeutschen Eigenheiten bei Freunden und Kollegen. Sascha Lange betonte etwa wie wenig Zeit es brauchte, bis er einen Freund, der für knapp vier Monate nach Westdeutschland gegangen war und dann zurückkehrte, nicht wiedererkannte. Neben dem neuen ungewohnten Kleidungsstil hatte man sich nach kurzer Zeit offenbar auch persönlich nichts mehr zu sagen. Es ging nur noch ums Geldverdienen. Er stellte fest, dass man sich mehr und mehr den Westdeutschen anpasste und subjektive ostdeutsche Verhaltensmuster als abnormal wahrgenommen wurden. Auch das Hochdeutsche übernahm man unbewusst und unterdrückte den eigenen Dialekt. Die jungen ZEIT-Journalistinnen bestätigten zwar seine Beobachtungen, konnten selbst aber keine schlüssige Antwort auf die eigene Anpassung im Dialekt finden.

Kurz vor Beginn des Publikumsgesprächs betrat eine Gruppe von Männern um die 50 den Raum. Die Herren wirkten sofort wie Fremdkörper und gaben sich Mühe noch während der Podiumsdiskussion aufzufallen. Sobald auf der Bühne der Name der Bundeskanzlerin fiel, oder der Moderator auf Fehler in der Berichterstattung über die Geschehnisse im Osten einging, gab es aus der letzten Reihe höhnische Kommentare und trotzigen Beifall. Das Publikum nahm dieses Theater teils genervt, teils amüsiert zur Kenntnis. Einer der Herren musste sich natürlich auch zu Wort melden und ging den Moderator harsch an: Er solle sich gefälligst das Wort „Wiedervereinigung“ abgewöhnen, denn die Wende wäre ein „Anschluss“ gewesen. Außerdem sollten die Gäste doch endlich mal die richtigen Lehrbücher lesen und nicht den „von oben verordneten Unsinn“ wiedergeben. Abschließend beschuldigte er die Bundeszentrale für politische Bildung der Beeinflussung der letzten Landtagswahl in Sachsen.

Nach diesem Erguss hätte man sich einen passenden Kommentar von Historiker Sascha Lange gewünscht, aber dieser schwieg. Umso direkter reagierte Moderator Patrik Schwarz. Besonders in seiner Position als Redakteur der ZEIT in Wien, verbat er sich den Begriff „Anschluss“ zu benutzen, denn dieser sei im historischen Kontext mehr als problematisch und zeuge von absoluter Unkenntnis der Geschichte. Nachfolgende Wortmeldungen aus dem Publikum lehnten zwar den Begriff „Anschluss“ ebenfalls ab, allerdings betonte ein älterer Mann seinen Eindruck, dass man doch von der Bundesrepublik übernommen und ignoriert wurde.

Die neunziger Jahre standen für viele Ältere im Osten eher für Anpassungsdruck und Überlebenskampf, während die jüngere Generation viel reibungsloser im wiedervereinten Deutschland aufging.

David Kox

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.