Niemandem folgen außer dem Takt

Rhythmus, Melodie, Klangbaustein, Symphonie, »Electronic Germany«: Christian Arndt spricht über das Wunderwerk elektronischer Musik.

Es ist Samstagabend, ungeduldig stehe ich in der Schlange vor dem bekannten Techno-Club »The Distillery«. Die Türen sind noch verschlossen, doch der treibende Bass dahinter lässt sich schon erahnen. Solche Szenerien gehören seit über 30 Jahren für einige Menschen mittlerweile jeder Altersklasse zum Alltag. Erste Kontakte knüpfen beim Warten vor dem Club bis zu dem Moment, wenn die Türsteher*innen dich durchwinken, ein treibender Bass dich umhüllt, die Luft immer dünner wird und du dich der Nacht hingibst. Techno ist viel mehr als Musik — es ist ein Lebensgefühl.

Doch an diesem Abend habe ich nicht die von Leipziger*innen liebevoll genannte »Tille« aufgesucht, um zu tanzen, sondern zu lauschen. Christian Arndt stellt sein Buch »Electronic Germany« vor, für das der Kulturwissenschaftler und Journalist seit den 1980er die Techno-Szene in und über Deutschlands Grenzen hinaus erforschte. Als Distillery-Gründer Steffen Kache persönlich die Tür zum Club öffnet, folgt das bunt gemischte Publikum dem Sound eines treibenden Beats und landet mitten auf der Tanzfläche. Der technoide Rattenfänger von Hameln entpuppt sich als DJ Eastenders alias Stefan Müller, der auch das Gespräch mit Autor Christian Arndt führen wird. Für die beiden keine unbekannte Situation, schließlich betreiben sie gemeinsam den begleitenden Podcast zum Buch »Electronic Germany«. Fast schon etwas zu routiniert werfen sie sich also gegenseitig Bälle zu und erzählen anekdotisch von des Technos ersten Schritten in Frankfurt am Main und Berlin. Das Gespräch wird aufgelockert durch Videosequenzen von Interviews, die Arndt mit Szene-Legenden wie Dr. Motte oder Westbam führte. Konstantes Namedropping von elektronischen Größen aus frühen Zeiten verursacht in mir als Club-Besucherin der dritten Generation zwar leichte Schwindelgefühle, zeigt aber auch, was für eine beeindruckende Geschichte diese Subkultur schon geschrieben hat. Ähnlich aufgebaut ist das Buch, in dem Arndt über die historische Einordnung, ganz Geisteswissenschaftler-mäßig, verschiedene Thesen in den Raum wirft, die zu dem Massenphänomen Techno geführt haben.

Schließlich kommen der DJ und der Journalist zu einem Aspekt, der auch mich an dieser Bewegung fasziniert: Techno als Utopie, gelebter Hedonismus auf der Tanzfläche. Laut Arndt fand etwa die Wiedervereinigung vor allem in den Berliner Clubs statt — dort gab es kein Ost-West-Gefüge, sondern ausschließlich das gemeinsame Verlangen nach guter Musik. »Feiern ist politisch«, stellt Arndt fest. Auch aktuell zeigt sich das immer wieder. Etwa 2017 bei dem Demonstrations-Rave »Lieber tanz’ ich als G20« oder letztes Jahr, als sich zehntausende Tanzwütige in Berlin mit »AfD wegbassen« gegen die Partei auflehnten. Viele der heutigen Clubs sehen sich als Schutzraum für Alltagsflüchtige, in denen jeder willkommen ist und die Zwänge der Gesellschaft keine Rolle spielen.

Der große Endgegner dieser Lebensphilosophie: die Gentrifizierung. Arndt merkt in seinem Buch an, dass vor allem Subkulturen die Beliebtheit einiger Städte extrem steigern. Das mache gierige Immobilienhaie auf diese Orte aufmerksam, die sie dann für absurd hohe Beträge aufkaufen. Auch in Leipzig ist dieses Problem akut — erst Anfang des Jahres wurde der beliebte Club »So&So« geschlossen. »Du kannst diesen Leuten perfekt ausgearbeitete Konzepte vorsetzen, es interessiert sie einfach nicht«, hält Distillery-Betreiber Steffen Kache im anschließenden Gespräch mit Arndt und Müller fest. Denn auch die Tille darf an ihrem jetzigen Standort nicht bleiben. Ein Thema, das fast jeden der Gäste auf der Lesung nervös zusammenzucken lässt. Schließlich genießt die Distillery Kult-Status. Der Club gehört zu den ersten Techno-Clubs in Deutschland und mobilisiert seit den frühen 1990ern eine riesige Anhängerschaft. Gerade diese Community sei ausschlaggebend dafür gewesen, dass sich die Tanzstätte an ihrem jetzigen Standort so lange halten konnte. Doch auch hier schlägt mittlerweile Geld Kultur.

Da die meisten Techno-Clubgänger*innen jedoch keine Kinder der Traurigkeit sind, hofft Kache auch in Zukunft auf Solidarität innerhalb der Szene. Denn Techno ist noch immer allgegenwärtig: Junge Leute tanzen hier Schulter an Schulter mit alten Hasen. Solange die Werte von Techno wie Respekt für das Clubpersonal, untereinander und natürlich der Musik gegenüber eingehalten werden, lässt sich dieser Lebensstil so schnell nicht vertreiben. Arndt hat mit seinem Buch einen wichtigen Teil zur kulturellen Anerkennung der Szene beigetragen. »Wer später noch feiern will, darf gerne noch hierbleiben«, lädt Steffen Kache die Gäste zu der anschließenden Party in der Distillery ein. Und dann tanze ich am Ende doch noch. Auch das ist Techno: Die Probleme der Welt einfach mal für eine Nacht vergessen.

Beitragsbild: Christian Arndt und Stefan Müller im Gespräch © Steffen Roth


Die Veranstaltung: Christian Arndt liest »Electronic Germany« + Support: DJ Eastenders, The Distillery, 23.3.2019, 21 Uhr

Das Buch: Christian Arndt: Electronic Germany, Edel Books, Hamburg 2019, 240 Seiten, 24,95 Euro


Die Rezensentin: Maren Schleimer

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