Niemals am Ende

Die Ausbreitung eines vielschichtigen Lebens an einem einzigen Abend

„Und in ein paar Jahren können wir sagen, dass wir ihn schon gesehen haben, als er noch ganz klein und unbekannt war!“ Solche Sätze fallen bei Lesungen schon mal, wenn der Autor jung und unbekannt ist und dazu womöglich noch aus seinem Debütroman liest. Wenn man glaubt, dass eine breite Masse Interesse, vor allem aber Gefallen finden könnte an seiner Literatur. Hier liest jedoch in Person von Tomas Espedal einer der renomiertesten norwegischen Autoren der Gegenwart, der mit seinem Buch „Das Jahr“ im Lichtspieltheater Connewitz zu Gast ist. Wie aber kommt es, dass trotzdem solche Sätze fallen?

Dafür lohnt sich ein Blick ins Programmheft des „Literarischen Herbstes“ in dessen Rahmen die Veranstaltung stattfindet. Bereits im zweiten Satz wird hier darauf hingewiesen, dass Espedal ein guter Freund Karl Ove Knausgards sei, des aktuell wohl bekanntesten und polarisierendsten Norwegischen Schriftstellers. Der ist im Übrigen der Grund dafür, dass knapp 50 Zuhörer den Weg in den Leipziger Süden gefunden haben. Espedal ist ein weißes, bisher unbeschriebenes Blatt. Aber Knausgard? Den kennt und schätzt man, also kann der Abend ja so schlecht nicht werden, glauben hier viele.

Die Tatsache, dass am Ende niemand enttäuscht worden ist, liegt jedoch einzig an dem, was auf der Bühne geschieht. Und dort hat neben jenem Espedal auch Hinrich Schmidt-Henkel Platz genommen, sein deutscher Übersetzter. Der zweite große Unbekannte des Abends. Als wären die Vorzeichen nicht schon schwer genug, kommt Espedals neuestes Werk auch noch in Form eines Langgedichtes daher, was die Sache erst mal nicht einfacher zu machen scheint. Doch was dann passiert, reißt mit, es zieht einen in seinen Bann. Es wird gelacht, gebannt zugehört und man fragt sich, ob er das wirklich so meint, was er da gerade gesagt hat. Es ist nicht das erste Mal, dass Autor und Übersetzer zusammen auf der Bühne stehen und das merkt man. Aber nicht, weil sich die Pointen mit der Zeit abgenutzt hätten und die immer selben Fragen den immer gleichen Antworten vorausgehen. Sondern weil beide wissen, was sie am jeweils anderen haben, weil sie sich im Laufe der Jahre nicht nur kennen, sondern auch schätzen gelernt haben.

Und so ist das, was auf der Bühne geschieht auch keine Lesung im klassischen Sinne, sondern die Ausbreitung eines ganzen Lebens, einer ganzen Gedankenwelt. Was Espedal ausspricht, wenn er aus seinem Buch liest mag keiner der Anwesenden verstehen, aber was er damit meint, wird für alle erlebbar. Wenn er sein Gesicht verzieht, wenn er plötzlich seine sonst so ruhige Stimme hebt, wenn er vor Freude mit der flachen Hand auf den Boden schlägt. Aber auch, wenn Schmidt Henkel einen Moment länger braucht, um Worte für das Gesagte zu finden, wenn er sich gar nicht traut, das Gesagte auszusprechen. Denn plötzlich scheint Espedal vom üblichen Ablauf abzuweichen. Er kündigt an, dass dies hier heute Abend seine „letzte Lesung“ sei. Es wird erst nach ein paar Augenblicken deutlich, dass auch diese Pointe, nein, Drohung so nicht eingeplant war. Das UT in Connewitz erinnere ihn an den Ort, an dem er im Alter von 19 Jahren in Bergen seine erste Lesung gehalten habe, und das sei so doch der optimale Zeitpunkt, um ein letztes Mal vor Publikum zu lesen. Erst recht jetzt, kurz nach Ende der Frankfurter Buchmesse, auf der er sich in manchen Momenten gefragt hatte, wie er „hier möglichst schnell rauskomme“.

So recht nimmt man ihm diese Ankündigung dann aber doch nicht ab. Denn sein Buch, um das es hier ja ursprünglich mal gehen sollte, gibt einfach zu viele Anlässe zu glauben, dass die großen Überzeugungen im Leben mit der Zeit ihren Absolutheitsanspruch verlieren werden. Jedes Mal, wenn man denkt, man hätte ihn auch nur annähernd verstanden, in dem, wer er ist und was er denkt, biegt er unvermittelt ab und man muss alle Gedankengänge vollständig zurücknehmen, neudenken und warten, bis er eine erneute Wendung vollzieht. Er macht es einem einfach nicht leicht.

Was am Ende des Abends bleibt, ist die Erkenntnis, dass dieser Mann es verdient hätte, endlich als eigenständiger Autor gesehen zu werden. Nur wer genau er ist, dieser Tomas Espedal, diese Frage kann noch nicht beantwortet werden. Denn Espedal ist niemals schon am Ende angekommen. So viel scheint sicher.

Moritz Mahltig

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