Nichts ist mir gleichgültiger als die Weiber

Ein Originalzitat aus Gottfried Benns Brief an seinen Verleger vom 27.7.1914. Wolfgang Martynkewicz gibt im Leipziger Litaraturcafé ausgesuchte Einblicke in das Leben des Schriftstellers und melancholischen Frauenhelds.

Es ist der Abend des 20. Februar und ich spaziere – die Leuchtschrift über dem Eingang des Literaturcafés bereits fest im Blick – gespannten Schrittes auf mein Ziel zu. Plötzlich packt mich jemand von hinten an den Schultern, ich drehe mich um und sehe mich einem fremden Mann gegenüber. Er schaut mir fest in die Augen, als er seine Hand von meinem Arm löst und unter meinen Rock greift. Ich stoße den Fremden von mir, dann verschwinde ich über die Straße und hinein ins Literaturcafé.

© Aufbau Verlag

Im Inneren des Cafés fühlt es sich an wie in einer anderen Welt: Es herrscht angenehm gemäßigte Gesprächslautstärke, diverse Zierpalmen sorgen für Atmosphäre und ich erblicke auf jedem Tisch mindestens zwei Weingläser. Im Raum befinden sich an die 60 Gäste, von denen ich maximal fünf auf unter 70 Jahre alt schätze – kein Wunder, immerhin begann Benn mit seinem schriftstellerischen Schaffen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und setzte es bis in die fünfziger Jahre kurz vor seinem Tod fort. Ich sehe mich also quasi umgeben von echten Zeitzeugen der Benn’schen Dichtkunst.

Um Punkt 19.30 Uhr leitet Frau Dr. Sibille Tröml, Geschäftsführerin des Sächsischen Literaturrates, die Lesung ein. Wolfgang Martynkewicz und der Moderator Jörg Schieke sitzen schon gemeinsam vor ihren Mikrofonen – beide im Anzug, grau über blau, sympathisch und nicht overdressed. Zu Beginn diskutieren sie die Bedeutung des Wortes Doppelleben: Benn gehe es dabei vor allem um den Gegensatz zwischen Existenz und Geist, der Möglichkeit, in seiner Vorstellung ein Anderer sein zu können als in seinem tatsächlichen Leben. Autor und Moderator schaffen einen spannenden Einstieg und die Zerrissenheit Benns als Mediziner und Dichter wird direkt greifbar. Dabei hat die Vortragsweise eher Gesprächs- als Lesungscharakter, Martynkewicz erzählt und zitiert, während Schieke zwischendurch nachfragt und Impulse gibt. Die Stimmung im Café ist behaglich, das Publikum gespannt und wohlwollend, die Lacher fallen an den richtigen Stellen. Als der Autor schließlich zu lesen beginnt, ist es eine Episode aus der Einleitung, vorwiegend aus Zitaten zusammengesetzt. Darauf sollte man sich auch beim Kauf des Buches gefasst machen: Der Text präsentiert sich mehr wie eine Sammlung von Stimmen als eine einheitliche Erzählung, zum Teil zerrissen und nicht immer von fesselndem Fluss. Bemerkenswert ist jedoch sowohl in der Biografie als auch bei der Lesung, wie viel Aufmerksamkeit Benns Verhältnis zu den Frauen gewidmet wird.

Wolfgang Martynkewicz. © Anny Maurer

Martynkewicz liest nun ein weiteres geschickt in seinen Text eingebettetes Zitat Benns, das mir den restlichen Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen wird: »Für einen Mann sei alles, was nach Bindung aussieht, gegen seine Natur. Um seine Bedürfnisse zu befriedigen, bliebe ihm nur die Illegalität« – zu lesen auf Seite 9 der Biografie. Wow, denke ich im Stillen und fühle wieder die Hand des Fremden auf meinem Körper. Das Problem liegt dabei nicht im Zitat selbst, sondern vielmehr darin, dass dieses Gedankenmuster vollkommen unkommentiert gelassen und vom Autor nicht als Sexismus oder Machismus benannt wird. Martynkewicz erzählt Benns turbulentes Leben sehr fundiert, distanziert sich aber nicht genug vom Gesagten. Dies scheint die meisten Gäste auch nicht zu stören und in der plötzlich erdrückenden Gutmütigkeit des Literaturcafés vergesse ich fast, wie weit wir in den letzten Jahrzehnten in puncto Gleichberechtigung gekommen sind.

Womöglich bin ich als Kind der Neuziger im allgemeinen Ton der Lesung fehl am Platz – allerdings fühle ich mich nicht im Geringsten dazu bereit, im Jahr 2018 noch zu hören, dass es schlicht in der Natur der Männer liege, sich illegal ihre Befriedigung zu beschaffen. Trotz aller Gemütlichkeit wird an diesem Abend fragmentarisch das Portrait eines Menschen gezeichnet, dem ich niemals über den Weg laufen möchte. Leider macht es die mangelnde Distanz des Autoren zum Gesagten auch mir unmöglich, den nötigen Abstand einzunehmen. So mache ich mich mit einem unwohlen Gefühl auf den Heimweg, während Martynkewicz die Bücher zahlreicher begeisterter Zuhörer signiert.

Beitragsbild: Wolfgang Martynkewicz (rechts) am Lesepult lauscht einer Frage des Moderators Jörg Schieke (links). © Sophia Meyer


Die Veranstaltung: Wolfgang Martynkewicz liest aus Tanz auf dem Pulverfass – Gottfried Benn, die Frauen und die Macht. Lesung und Gespräch, Moderation: Jörg Schieke, Literaturcafé Haus des Buches Leipzig, 20.2.2018, 19.30 Uhr

Das Buch: Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass – Gottfried Benn, die Frauen und die Macht. Aufbau Verlag, Berlin 2017, 408 Seiten, 24 Euro, E-Book 18,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Sophia Meyer

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.