Nicht sonderlich enttäuschend

Svetlana Lavochinka liest aus ihrem Roman »Puschkins Erben«

Mittwochabend, 23. Oktober, kurz nach acht im Keller des »Telegraph«. Rotes, gedämpftes Licht füllt den voll besetzten Zuschauerraum. Gut fünf Dutzend Augenpaare sind auf die kleine Bühne neben dem Treppenaufgang gerichtet. Vor rotem Hintergrund sitzen dort drei Frauen und warten geduldig auf ihren Auftritt. Eine von ihnen ist die Leipziger Autorin Svetlana Lavochkina, die zweite ihre Übersetzerin Diana Feuerbach und die dritte – bereits am Flügel – die Jazzpianistin Olga Reznichenko. Schließlich betritt auch noch der Verleger Lavochkinas die Bühne und begrüßt das Publikum zur Lesung aus ihrem Roman ‚Puschkins Erben‘. Lavochkina bedankt sich bei ihm mit einem kurzen Lächeln und beginnt, mit ruhiger Stimme aus ihrem Buch zu vorzulesen.

Die Handlung des Romans setzt in den 1820er Jahren ein. Wir folgen zunächst dem berühmten russischen Schriftsteller Alexander Puschkin auf einer Reise durch die ukrainische Provinz, während derer er in einem kleinen Dörfchen am Dnepr eine Frau verführt und schwängert. Auf den Seitensprung folgt ein Zeitsprung – 150 Jahre später: Von nun an begleiten wir die Nachkommenschaft des aus Puschkins kurzer Liebschaft hervorgegangenen Kuckuckskindes. Aus dem Nest am Dnepr ist mittlerweile die Großstadt Zaporoschje geworden. Hier wohnt die jüdische Familie Katz, die geheimen Nachfahren Puschkins, durch deren Augen wir die 1970er Jahre der Sowjetunion nacherleben. Familie Katz deckt schließlich ihre Verwandtschaft zum großen Nationaldichter auf. Ansonsten folgen wir ihnen durch ihren ganz normalen anormalen Alltag in der sowjetischen Ukraine. Mit trockenem Humor rechnet Lavochinka mit der damaligen Politik und Alltagskultur ihres Herkunftslandes ab.

Abwechselnd lesen Lavochkina und Feuerbach aus verschiedenen Stellen des Romans vor. Zwischendurch werden sie durch angenehmes Klavierspiel von Reznichenko abgelöst. Jene kurzen musikalischen Unterbrechungen wirken erfrischend, die Lesung selbst kann aber nur bedingt begeistern. Lavochkinas leise und etwas monotone Stimme hebt sich manchmal kaum von der stetig lärmenden Lüftungsanlage des Kellers ab. Die Autorin wirkt lustlos und fasst sich immer wieder an die Stirn, als bereite ihr die Veranstaltung Kopfschmerzen. Zumindest passt diese Performance doch zum nüchtern-humoristischen Stil des Romans. Im Gegensatz hierzu inszeniert sich Übersetzerin Feuerbach aber als schwunghafte Entertainerin, deren Vorleserstimme wiederum einen süßlichen Märchenton annimmt. So wirklich passen Lavochkina und Feuerbach auf der Bühne also nicht zusammen. Das ist bedauerlich, Stimmung mag nicht so recht aufkommen und der Lesung wird jegliche Atmosphäre entzogen. Dadurch wiederum fällt es schwer, den Stimmen Lavochkinas und Feuerbachs dauerhaft zu folgen. Somit bin ich auch nicht sonderlich enttäuscht, als Lavochkina ihren Roman schließlich zum letzten Mal zuzuklappen scheint. Etwas erschöpft freue ich mich lediglich noch auf ein letztes von Reznichenkos fabelhaften selbstkomponierten Klavierstücken.

JAKOB VOGEL

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