»Müssen wir also erst scheitern, um voranzukommen?«

Schelmische Lesung von Ulrich Woelk mit Hörbuch-Charakter.

Auf den wenigen Plätzen, die noch frei sind, liegen gut sichtbar weiße Zettel mit der Aufschrift reserviert. Es ist bereits alles voll und die Lesung soll erst in einer guten halben Stunde starten. Eine lebhafte Frau wuselt umher und versucht die Platzkapazität des Apothekenmuseums zu vergrößern. Immer mehr Stühle trägt sie aus einem nur schemenhaft durch eine halb geöffnete Tür erkennbaren Raum hinaus. Mit den Worten, dass es bei der Lesung ja aufs Hören und nicht aufs Sehen ankäme, versucht sie vereinzelt aufkommenden Unmut zu beschwichtigen. Gut, eine Lesung, bei der man den Autor nur hört und nicht sieht. Eine ganz neue Erfahrung. Der Lautsprecher im Nacken macht das Ganze dann tatsächlich zu einer Art Hörbuch-Erlebnis.

Ulrich Woelk liest aus seinem neuen Roman »Der Sommer meiner Mutter«. Sommer 1969. Der Protagonist der Geschichte, Tobias Ahrens, ist elf Jahre alt. Seine kleine Welt dreht sich um die bevorstehende Mondlandung. Er und seine Eltern leben in ruhiger Nachbarschaft am Stadtrand von Köln. Als neue Mieter in das Haus nebenan einziehen, wird besonders die Welt von Tobias aber auch die seiner Eltern rasant auf den Kopf gestellt, denn die Leinhards sind das komplette Gegenteil der sonst dort lebenden spießigen Vorgartenpfleger. Gesellschaftliche und moralische Ansichten werden dargelegt, analysiert und hinterfragt. Umbrüche geschildert.

Das Apothekenmuseum © Eva Nolte

Der Moderator Thomas Hummitzsch moderiert nach einer kurzen Vorstellung des Autors dann ganz direkt mit den Worten »Na dann lies doch mal!« den ersten Leseabschnitt an. Ulrich Woelk liest mit ruhiger, angenehmer Stimme und obwohl er für viele außer Sichtweite sitzt, meint man an manchen Stellen ein schelmisches Grinsen in seiner Art des Vorlesens zu erahnen. Das Publikum ist überwiegend sechzig aufwärts. Die Stimmung wirkt zu Beginn recht verhalten.

Nach dem ersten Einblick ins Buch hakt der Moderator nach, wie Woelk auf die Idee kam, den elfjährigen Tobias als Erzähler zu wählen. Ulrich Woelk erzählt, dass er die Sicht eines Elfjährigen als Erzählperspektive sehr reizvoll empfand. Die Naivität. Die Unwissenheit. Den Drang alles zu hinterfragen.

Als es um das Thema Fußball geht, das auch im Buch in einer Szene kurz angeschnitten wird, sorgt Hummitzsch für die ersten Lacher der Zuhörer, indem er unverblümt von sich gibt, dass er auch nicht verstehen könne, wie man Schalke 04 Fan sein kann. Da wacht sogar das monoton guckende Paar mir gegenüber wieder auf und zeigt Regung in Form eines angedeuteten Lächelns.

Ulrich Woelk ist aufgeweckt. Wirkt ganz bei der Sache. Redet lebhaft über sein Buch und dessen Entstehung. »Der Sommer meiner Mutter« ist sein dreizehnter Roman und die Idee dazu kam ihm plötzlich und spontan auf einer Fahrt durch Amerika im Sommer 2017. Auch die Frage inwieweit der Roman autobiografische Züge enthalte, kommt auf. Woelk überlegt kurz und meint dann, dass das eventuell auf einzelne Szenen zutreffe, sich der Großteil aber nicht auf sein eigenes Leben beziehe.

Am Ende stellt sich die Frage nach der Moral. Der Moderator äußert seine erste Idee: »Müssen wir also erst scheitern, um voranzukommen?« Kurzes Schweigen seitens Ulrich Woelk, bis er dann wieder schelmisch grinsend entgegnet »Oh, da hab ich so noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber ein guter Gedanke!« Erneutes Gelächter und Beifall im Publikum und Woelks Sympathiepunkte steigen weiter. Nach kurzer Diskussion wird sich dann auf die Moral geeinigt, dass man seiner Leidenschaft nachgeben solle.
Hätte das Buch noch unangerührt in meinem Regal gestanden, hätte ich es spätestens jetzt gelesen. Unbedingt lesenswert!

Beitragsbild: Die Rezensentin mit Buch. © Eva Nolte


Die Veranstaltung: Ulrich Woelk liest aus Der Sommer meiner Mutter, Moderation: Thomas Hummitzsch, Apothekenmuseum, 23.03.2019, 18.30 Uhr

Das Buch: Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter. Verlag C.H. Beck, München 2019, 189 Seiten, 19,95 Euro


 

 

Die Rezensentin: Eva Nolte

 

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