Morgengrauen am Nachmittag

Stefanie Schleemilch liest aus ihrem zweiten Roman »Morgengrauen« inmitten des Trubels der Leipziger Buchmesse

Der Applaus der vorherigen Veranstaltung stirbt langsam aus, die Menge verdünnt sich. Wo bis eben noch viele Schüler*innen bei einem Poetry-Slam saßen, sind nun leere Plätze auf den weiß gepolsterten Bänken. Ich rücke in die zweite Reihe, nicht ganz vorn, aber vorn genug. Es ist kurz vor halb drei, dem offiziellen Beginn von Stefanie Schleemilchs Lesung aus ihrem zweiten Roman »Morgengrauen«. In Halle 5 ist es laut, die Leseinsel Junge Verlage ist groß, die Gänge an den Seiten allerdings auch. Hier fließt ein stetiger Strom von Messebesuchern und Messerbesucherinnen, alle reden aufgeregt und sorgen für ein Gemurmel als Background-Musik. Meines Erachtens nicht die beste Atmosphäre, um aus einem melancholischen Roman wie »Morgengrauen« zu lesen.
Eine Frau, die sich ziemlich nervös als Eliza Encheva-Schorch vorstellt, betritt die Bühne und versucht einige der Poetry-Slam-Besucher*innen zum Bleiben zu überzeugen. Vergeblich. Es wird wohl doch eher bei einem überschaubaren Publikum bleiben. Frau Encheva-Schorch, die für das Marketing des duotincta Verlags zuständig ist, stellt uns kurz den Roman vor, aus dem die Autorin Stefanie Schleemilch sogleich lesen wird.

Stefanie Schleemilch © Helmholz-Vero

Es geht um Agnes, eine jungen Schriftstellerin, die sich in ihren schlaflosen Nächten ihren Gedanken hingibt und an ihrer Geschichte schreibt. Agnes kämpft mit Depressionen und Traumata und versucht das Unsägliche ihres Lebens, ihrer Geschichte, in Worte zu fassen, um sich somit selbst wieder zu finden und zu retten. Es ist kein leichtes Buch, nichts, das sich mal eben so vorm Schlafen gehen lesen lässt. Es macht traurig, hoffnungslos, und manchmal muss man auch ein wenig die Augen rollen. An einigen Stellen wird es unerträglich pathetisch und ein paar der Vergleiche, die veranschaulichend wirken sollen, sind unnötig explizit.

Schließlich tritt Stefanie Schleemilch ans Mikrofon. Sie trägt von Kopf bis Fuß schwarz, freut sich kurz über die Größe des Publikums, denn wir seien mehr als erwartet, und liest dann direkt den Prolog »Kotzende Mädchen küsst man nicht« vor. Es ist der erste von Agnes’ verfassten Texten, den sie auf eigene Faust an einen Berliner Verlag schickt. Mit Erfolg, denn der Verlag meldet sich bei ihr und so beginnt ihre Mission, ihre Geschichte niederzuschreiben und somit auch der Roman. In diesem Kapitel beschreibt Agnes eine Studienfahrt mit einer neuen Klasse, nachdem sie einige Zeit in einer Psychiatrie verbracht hatte. Beim ersten Lesen war ich zugegebenermaßen gefesselt, aber richtig gefesselt ist hier in der Leseinsel niemand. Es stehen sogar einige Leute auf und gehen. Ohne eine Pause, in der das Vorgelesene kurz verdaut werden könnte, geht es mit dem nächsten Abschnitt weiter: »Beharrlichkeit«. Es geht um Liebe, verlorene Liebe und im Hintergrund hat Agnes auch noch einen Astro-Livestream an. Als ich es das erste Mal las, musste ich das Buch kurz zur Seite legen, weil es mich so deprimiert hat. Einige der Zuhörer*innen in dieser Menge scheinen mein Sentiment zu teilen, denn sie verlassen die Lesung. Vielleicht aber sind sie verwirrt, da in der Veranstaltungsbeschreibung eine Demontage des Status quo der Geschlechterrollen in der süddeutschen Provinz versprochen wurde, aber davon nicht viel in der existentiellen Angst der Agnes zu spüren ist.

Zum Abschluss liest Schleemilch noch »Der Tag, an dem ich verschwand«, ein vergleichsweise kurzes Kapitel, knapp eine Seite. Gemeint ist mit dem Titel der Tag, an dem Agnes sich nach einem Zusammenbruch erneut in eine psychiatrische Behandlung begibt. Es ist wirklich ärgerlich, dass die Bänke keine Lehnen haben, denn die Schwere des Lesestoffs liegt mir erneut auf den Schultern. Die gedrückte und verzweifelte Stimmung des Textes liegt mir schwer im Magen, denn ich kenne diese Worte, aber so wirklich kommt das bei dem restlichen Publikum nicht an. Es sind schon wieder Leute aufgestanden und gegangen. Der letzte Satz geht über Schleemilchs Lippen, sie bedankt sich kurz und ist schon wieder von der Bühne gehüpft, bevor die noch vorhandenen Zuhörer*innen richtig reagieren konnten (sprich: applaudieren).

Frau Encheva-Schorch ist wieder am Mikro, bedankt sich bei uns und bei Frau Schleemilch, und weist dann auf den Stand hin, wo Frau Schleemilch noch für Fragen und zum Signieren da sein wird. Insgesamt war die ganze Veranstaltung in weniger als 20 Minuten vorbei, obwohl 30 Minuten vorgesehen waren. Ein wenig enttäuschend ist es, aber die Atmosphäre der Halle 5 am Nachmittag des ersten Messetages, an welchem die Leipziger Buchmesse von Schulklassen überflutet ist, die sich nicht unbedingt für das traurige Sinnieren von Agnes interessieren, ist wirklich nicht ideal.

Ich spreche noch kurz mit Stefanie Schleemilch und scheine die einzige Interessentin zu sein. Sie wirkt schüchtern und nicht unbedingt gesprächsfreudig. Aber das ist in Ordnung, denn eine Kombination des Lesestoffs, der Atmosphäre und den unbequemen Bänken, haben mich müde werden lassen. So tauche ich wieder in die Masse der Messebesucher*innen, mit einem Buch in der Hand, das mir mehr Fragen als Antworten gegeben hat.

Beitragsbild: Stefanie Schleemilch liest © Helmholz-Vero


Die Veranstaltung: Stefanie Schleemilch liest aus ihrem zweiten Roman »Morgengrauen«, Moderation: Elisa Encheva-Schorch, Halle 5 Leseinsel Junge Verlage, 21.3.2019, 14:30


Das Buch: Stefanie Schleemilch, Morgengrauen. duotincta Verlag 2018, 211 Seiten, 17 Euro


Die Rezensentin: Olivia Helmholz-Vero

 

 

 

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