Mit Rotwein und Humor Missstände anprangern

Minna Lindgren liest aus ihrem Roman »Rotwein für drei alte Damen oder Warum starb der junge Koch?«.

Die Schlange ist lang vor der naTo am frühen Freitagabend. Bei nordischen Temperaturen warten die Besucher der ebenso nordischen Literaturnacht auf Einlass. Als sich endlich die Türen öffnen, füllen sich die etwa achtzig Plätze im Saal derart schnell, dass einige Besucher froh darüber sind noch Stehplätze zu ergattern, während andere an der Tür abgewiesen werden müssen. Die letzten freien Plätze in der ersten Reihe sind für einige Botschafter der fünf vertretenen nordischen Länder Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark und Island reserviert. Es ist ein besonderer Abend, denn zur Feier des zehnjährigen Jubiläums des nordischen Forums auf der Leipziger Buchmesse stellen zehn Autoren aus genannten Ländern ihre Werke vor.

Kastenmeier_Rotwein für 3 alte Damen_2016_03_18Minna Lindgren darf als erste auf die Bühne. Sie und ihre Moderatorin kommen deshalb in den Genuss eines noch aufmerksamen Publikums. Die Finnin schaffte es mit ihren Romanen rund um das Altenheim »Abendhain« in ihrem Heimatland längst auf die Bestsellerlisten. Nun ist sie zu Besuch in Leipzig, um »Rotwein für drei alte Damen oder Warum starb der junge Koch?« dem deutschen Publikum vorzustellen. Auf die Frage ihrer Moderatorin, warum sie sich ausgerechnet mit der Lebenswelt alter Menschen beschäftige, hat Lindgren eine überraschend ernste Antwort: Das Alter habe sie schon immer interessiert. »Je älter, desto besser«, sagt sie. Doch in der finnischen Gesellschaft und den Medien höre man über alte Menschen nur in unangenehmen Kontexten. In ihren Büchern wolle Lindgren deshalb den Humor und die Nostalgie des Alters darstellen.

Die Autorin: Minna Lindgren. © Ville Palonen
Die Autorin: Minna Lindgren. © Ville Palonen

Die Autorin liest zunächst die Anfangsseiten ihres Romans in der finnischen Sprache vor. Die wenigsten im Raum verstehen wohl Finnisch, dennoch ist es für alle etwas Besonderes, den Textpassagen in dieser ungewöhnlichen und schönen Sprache zu lauschen. Als die Moderatorin die Auszüge dann auf Deutsch vorliest, gibt es für die Zuhörer viel zu lachen. Lindgren beschreibt die Senioren in »Abendhain« auf humorvolle aber keineswegs abwertende Art und Weise. Dieser Punkt sei ihr besonders wichtig, wie sie später betont. »Minna schreibt alles mit Humor, außer ihre Magisterarbeit« übersetzt die Moderatorin. Die Vorbilder von Lindgren seien Charlie Chaplin und Wolfgang Amadeus Mozart, weil diese ernste Themen mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit vermittelten. Genau das sei auch die Absicht der Autorin. Sie benutze Humor und Witz, um ernste Themen wie den Umgang mit älteren Menschen in Pflegeheimen oder deren Entmündigung durch die Angehörigen für ein breiteres Publikum aufzubereiten und Aufmerksamkeit zu schaffen. Warum der junge Koch tatsächlich starb, sei am Ende fast belanglos, da der wahre Reiz der Geschichte in der Lebenswelt der Protagonisten liege.

Es sind interessante Einblicke, die Minna Lindgren in ihrem Buch und im Gespräch mit der Moderatorin in die Thematik des Älterwerdens gibt. Leider ist an diesem Abend nur wenig Raum für eine individuelle Ausgestaltung der Bühnensituation, denn alle 30 Minuten kommt ein neuer Autor mit persönlichem Moderator auf die Bühne. Lindgren hat angesichts dessen eine sehenswerte, aber unspektakuläre Lesung abgeliefert. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass der exzentrische Isländer Norddahl, der nach ihr sein Buch »Böse« vorstellte, der größere Sympathieträger des Abends war.


Die Veranstaltung: Nordische Literaturnacht, Mitwirkende: Henrik Berggren, Sebastian Guggolz, Julie Hastrup, Claus Høxbroe, Haukur Ingvarsson, Minna Lindgren, Jóanes Nielsen, Eiríkur Örn Norðdahl, Tore Rem, Ingvild Hedemann Rishøi, Lotta Sjöberg, Moderation: Petra Sauerzapf-Poser, naTo, 18.3.2016, 19.30 Uhr

Das Buch: Minna Lindgren. Rotwein für drei alte Damen oder Warum starb der junge Koch? Aus dem Finnischen von Niina und Jan Costin Wagner, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 279 Seiten, 14,99 Euro


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Die Rezensentin: Lena Kastenmeier

 


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