»Man muss eben eine Bombe werfen«

Heute auf der Karte: Poetische Gesellschaftskritik und Rotwein.

Der Dielenboden knarrt unter den Schritten der Besucher, Kerzen und vereinzelte Lampen tauchen den Saal der Weinstube Horns Erben in schummriges Licht. Die Wände sind größtenteils holzvertäfelt, die aufgereihten Stühle ergänzt ein langes Sofa, das zum Sitzen in der ersten Reihe einlädt. Ausgeschenkt wird Rotwein und tschechisches Bier. Die Autorin Franziska Gerstenberg, 1979 in Dresden geboren, studierte einst in Leipzig am Literaturinstitut. Zwischenzeitlich lebte sie unter anderem in Berlin, mittlerweile wohnt sie mit ihrer Familie in Dresden. Schon zu Beginn ihrer Lesung bekundet sie mit einem Blick durch den Saal: »Hier ist es am schönsten.«

Gerstenbergs Erzählband »So lange her, schon gar nicht mehr wahr« erscheint vier Jahre nach ihrem letzten Roman »Spiel mit ihr«, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Jede der insgesamt acht Erzählungen steht für sich, doch alle eint die Frage nach dem guten Leben, dem Glück, das jede Figur im Kleinen sucht und doch im Großen und auch im Zwischenmenschlichen nicht finden kann.

Franziska Gerstenberg liest auf der Bühne im Horns Erben. © Julie S. Schöttner
Franziska Gerstenberg liest auf der Bühne im Horns Erben. © Julie S. Schöttner

An diesem Abend liest die Autorin eine der Erzählungen vor. Mit ihrer ruhigen und doch sehr lebendigen Stimme fesselt Franziska Gerstenberg die Zuhörer ab dem ersten Satz an mit der Geschichte »Schließ auf, Stoll«.

Stoll ist unerfolgreicher Dichter und arbeitet bereits seit Jahrzehnten gezwungenermaßen am Tresen einer Orangerie, um über die Runden zu kommen. Er entwickelt scheinbar aus dem Nichts eine Phobie vor Türen; warum, kann er sich nicht erklären. Hermann, der Kioskbesitzer seines Vertrauens, versucht Stoll zunächst mithilfe von Lebensweisheiten aus Frauenzeitschriften beizustehen. Letztlich finden die beiden ihre Antwort in einer Kneipe über dem einen oder anderen Wodka. Da finden sie die Ohnmacht Stolls und eine stille Gesellschaft, in der es immer ein Oben und ein Unten gibt, ein Drinnen und Draußen, eine Tür. Das Fazit des betrunkenen Hermanns: »Man muss eben eine Bombe werfen. Das ganze Schweinesystem anzünden.«

Am Ende der Lesung kehrt nach langem Beifall nachdenkliche Stille ein. Es geht nicht mehr nur um Stoll. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob denn das Zünden der Bombe die Lösung wäre. »Nicht die Bombe ist die Lösung«, so Gerstenberg, »aber das Gespräch über die Bombe kann eine Lösung sein. Man muss darüber reden, warum es diese Bombe gibt.« Mit ihren intensiven Erzählungen hat Franziska Gerstenberg jedenfalls zu einem Gespräch über die Bombe beigetragen.


Die Veranstaltung: Franziska Gerstenberg liest aus So lange her, schon gar nicht mehr wahr, Moderation: Simon Kurzenberger, Horns Erben, 16.3.2016, 20.00 Uhr

Das Buch: Franziska Gerstenberg: So lange her, schon gar nicht mehr wahr. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2016, 240 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 15,99 Euro


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Die Rezensentin: Julie Sophia Schöttner

 


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