»Man begegnet sich wie unter kosmischen Nebeln«

Qiu Miaojins erster und vorletzter Roman balanciert leichtfüßig zwischen Verlorenheit und Scharfsinnigkeit

Qiu Miaojins LGBTQ-Roman »Aufzeichnungen eines Krokodils« erschien 1994 in Taiwan und erscheint diesjährig im Ulrike-Helmer-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung. Die Handlung versetzt den Leser ins Taiwan der 80er Jahre. Dort tut die Studentin Lazi ihr Bestes, sich durchs Chaos ihres Lebens zu manövrieren. Sie ist lesbisch zu einer Zeit, als das noch Tabu war, und verliebt in ihre Kommilitonin Shuiling, mit der es aber einfach nicht klappen will. Sie schläft tagsüber und wacht auf, wenn die Sonne untergeht; sie zieht bei Freunden ein, bis sie vor die Tür gesetzt wird; sie bricht Herzen beider Geschlechter. Ihr Lifestyle ist wechselhaft. Auf Wochen des parasitären Dahinsiechens folgt eine Vollmondnacht voller Leben. Ihr Innerstes ist turbulent und chamäleonhaft, aber ich würde es nicht als ziellos beschreiben, vielmehr ändert sich ihr Ziel ständig. Sie fasst Menschen und Ideen ins Auge, nur um sie wieder zu verlieren. Was sie eigentlich haben – und wer sie eigentlich sein – will, wird von der gendernormativen und homophoben Gesellschaft nicht geduldet, weshalb Lazi auf der Suche nach Alternativen ist.

Miaojins Interesse an Mutabilität schlägt sich auch in Stil und Form des Romans wieder. Das Buch besteht aus losen Fragmenten (»Notizbücher«), die in ihrem Charakter stark variieren – Tagebucheinträge, Lyrik, Gedankenspiele und surreale Szenarios, in denen Krokodile Nerzpelzmäntel tragen. Vielleicht ist das der Versuch, die wahre Natur eines Tagebuchs zu vermitteln: das heißt, es werden nicht nur die Einträge gezeigt, sondern auch die Kritzeleien am Seitenrand, die Zeichnungen, die eingeklebten Fotos und die eingepressten Blütenblätter. Tagebücher sind der Versuch, Gedanken zu ordnen, aber »Ordnung« klingt in Lazis Ohren wie »Gefängnis«, und so reflektieren die Formexperimente des Buches die Persönlichkeit seiner Protagonistin. Viele dieser Spielereien wirken nicht ganz zu Ende gedacht, aber sind in ihrer Spontanität jedes Mal greifend. Man fühlt sich von Lazi an der Hand gepackt und mitgerissen, in ihre merkwürdigen Tage und langen Nächte und in ihre Träume. »Aufzeichnungen eines Krokodils« ist geprägt von einer solchen schriftstellerischen Verspieltheit. Miaojins Stil versprüht eine Beat-Generation-Romantik, mit den Augen eines Teenagers und einem Interesse an nahezu allem.


Das Buch: Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils. Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. Ulrike Helmer Verlag 2020, 340 Seiten, 20 Euro


Der Rezensent: André Leroux


 

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