»Lösungen gibt es nicht, nur Angst und manchmal Mut«

Eine Erzählung von Umarmungen, die es nie gab.

Sternburg Bier und Gartenstühle. Sticker gegen Rassismus, Refugees are welcome. Der Fischladen, in dem es keine Fische gibt, füllt sich und ist plötzlich so voll, dass die Zuspätkommenden auf dem Boden Platz nehmen müssen. Im Hintergrund läuft Western Musik, im Vordergrund steht ein Tisch und darauf liegen American Spirit Zigaretten, ein Aschenbecher, diverse Zettel und ein Buch. Der Autor Dirk Bernemann ist in Connewitz im Fischladen zu Gast und liest aus seinem frisch erschienenen Kurzgeschichtenband »Vom Aushalten ausfallender Umarmungen«.

Zum Besten gibt er eine Handvoll Kurzgeschichten und erzählt von einem Friseurbesuch, von Dingen, die man mag, von unkomplizierten Frauen, von keinen Lösungen, dafür aber von Angst und Mut, von Kunst, die von der Behauptung lebt Kunst zu sein, von Familie und mehr. Es wird viel gelacht, denn Bernemann liest genauso wie er schreibt: scharfzüngig, lebendig, auf den Punkt. Dabei gestikuliert er an mancher Stelle eindringlich und man merkt ihm an, dass der Mann auch im Poetry Slam Erfahrungen gesammelt hat. Teilweise lacht er selbst über seine Sätze, sagt: »Ich hatte ganz vergessen, dass ich das so geschrieben habe. Ist schon so lange her. Ich wiederhole den Satz nochmal.« Und alle lachen nochmal über den Satz, bevor es wieder still wird und alle gespannt weiter zuhören. Denn auch wenn die Geschichten unterhaltsam sind, in ihnen steckt ebenfalls Ernsthaftigkeit, die den einen oder anderen im Publikum zum Nachdenken anregt. Es sind Alltags-, Großstadt-, Menschenbeobachtungen. Bereits in vorigen Werken, beispielsweise »Ich hab die Unschuld kotzen sehen«, stellte Bernemann sein Talent für die Ausarbeitung von Figuren und Überkreuzung ihrer Geschichten unter Beweis. Auch in diesem Buch verzweigen Handlungsstränge prekär und die Figuren stolpern an mancher Stelle übereinander. Sie alle hätten eine Umarmung verdient.

Dirk Bernemann liest im Fischladen. © Julie S. Schöttner
Dirk Bernemann liest im Fischladen. © Julie S. Schöttner

Die letzte Erzählung aus seinem Buch, in der »auf irgendeine Art« Gott vorkommt, leitet Dirk Bernemann mit einer Broschüre ein, die ihm, wie er erzählt, heute auf der Buchmesse von irgendwem in die Hand gedrückt wurde. Der Titel der Broschüre lautet »Ich glaube an Gott, weil …« und Bernemann liest schmunzelnd daraus vor. Dann bietet er an, Interessenten könnten sich die Broschüre nach der Lesung gerne mitnehmen, sie liege gleich neben seinem Buch und hat damit wieder viele Lacher auf seiner Seite. Dann liest er seine Geschichte vor, in der auf irgendeine Art Gott vorkommt. Um danach zu erklären, warum in seiner Erzählung Gott vorkommt, ein bisschen ironisch und ein bisschen ehrlich, sagt er: »Manchmal kommt Gott in mein Bewusstsein und sagt: ›Ey, du musst auch über mich schreiben!‹«

Das Publikum will nicht gehen, als der Autor zu Ende gelesen hat. So kommt es, dass Bernemann weiterliest und seine Lesung letztlich mit unveröffentlichten Texten abschließt, während das Publikum raucht und trinkt und lacht und zuhört, nachdenkt über Ängste und Mut und irgendeine Art Gott.


Die Veranstaltung: Dirk Bernemann liest aus Vom Aushalten ausfallender Umarmungen, Fischladen, 19.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Dirk Bernemann: Vom Aushalten ausfallender Umarmungen. Unsichtbar Verlag, Diedorf 2016, 160 Seiten, 9,99 Euro, E-Book 8,99 Euro


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Die Rezensentin: Julie Sophia Schöttner

 


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