Literarisches Speeddating

Sechs Debütromane im Zeichen des modernen Erwachsenwerdens bei »Beste erste Bücher« im Rahmen des Literarischen Herbstes Leipzig

Inmitten von grauen Betonwänden und Discounterambiente eröffnet sich dem Besucher eine charismatische Oase der alternativen Szene Leipzigs – das Ostpassage Theater. Die ehemalige Markthalle hat sich jüngst zu einer unabhängigen Location für Kultur entwickelt und macht dem Literaturfestival als Veranstaltungsort alle Ehre. Moderator und Veranstalter Jörn Dege heißt das Publikum Willkommen und erinnert an Wert und Risiko eines Debüts, sowie an das ungeschriebene Gesetz, wonach diese von der Kritik nicht verrissen werden dürfen. Des Weiteren stellt er die sechs Autor*innen vor – von denen allerdings zwei krankheitsbedingt nicht anwesend sein können. Um einstweilen die verschiedenen Romane anzukündigen, bedient sich Dege unterhaltsamer Assoziationen und Anekdoten.

Und schon geht es los mit dem »Coming-of-Age«-Abend. Was nämlich alle sechs Bücher verbindet, ist neben ihrem Debütstatus auch die Thematisierung des Heranwachsens in der heutigen Zeit, wobei dies in jedem auf ganz individuelle Weise umgesetzt wird. Den Anfang macht Lene Albrechts Roman »Wir, im Fenster«, welcher den Verlust der innigen Freundschaft von Linn und Laila, sowie den der kindlichen Unschuld schildert. »Wir waren Kinder genug, um uns wie selbstverständlich ein Bett zu teilen«. Albrecht bedient sich eines langsamen Erzähltempos und einer sehr bildhaften Sprache, wodurch Sinneseindrücke und Details in den Vordergrund gerückt werden.

Nadine Schneider beschreibt in ihrem Roman »Drei Kilometer« die jugendliche Zerrissenheit der Protagonistin Anna zwischen Freiheitswunsch und Heimatliebe im Schatten eines totalitären Regimes, wobei ihre Alltagsschilderungen das Eintauchen in das dörfliche Leben und Jugenddasein ermöglichen. 

Auch »Schöner als Überall« von Kristin Höller greift das Motiv der Heimat auf, als Spiegel, den sich der Protagonist Martin vorhält. Es geht um Selbstakzeptanz, eine verflossene Jugendliebe, die erste Selbstständigkeit und um den Kontrast von Vorstellung und Realität, wobei Höller Alltägliches auf sensible und humorvolle Weise poetisiert. »In Limbo« von Désirée Opela handelt vom Denken und Fühlen junger Menschen in der Großstadt, verloren zwischen jugendlichen Illusionen und der kalten Realität, von »Gentrifizierung, Psychose und Kunst«. Erzählt wird ausschließlich in Gedankensträngen, was einen subjektiven, sehr konturlosen Eindruck der Welt vermittelt und die stete Unsicherheit der beiden Protagonisten Lukas und Marie widerspiegelt. Tom Müller ist es in seinem Roman »Die jüngsten Tage« gelungen, den Ernst des Erwachsenwerdens in teils jugendlich frischer, teils zynischer Sprache zu formulieren. Nachdem »Strippe«, der Jugendfreund des Protagonisten Jonathan, stirbt, stellt sich dieser die Frage, wie lange er noch an seinen idealistischen Jugendvisionen festhalten will, an denen er nun zu zerbrechen droht. Als junge, berufstätige Frau, ihren Platz in der Erwachsenenwelt suchend, beginnt letztendlich auch Berit Glanz’ Protagonistin Beta in »Pixeltänzer« ihre ganz eigene kreative Rebellion gegen die Oberflächlichkeit der Gesellschaft mittels scharfer Gegenwartskritik. Glanz bindet dabei die gegenwärtige Digitalisierung der Welt in ihre Sprache ein, indem sie sich überzeugend moderner Ausdrucksformen bedient.

An den Lesarten der Autorinnen ließ sich die Unerfahrenheit mancher erkennen, denn einige machten einen recht nervösen Eindruck oder präsentierten eine noch ausbaufähige Vorlesestimme. Ab und zu kam dann doch der Mut zu einem Scherz oder einer persönlichen Anmerkung hervor, die immer sehr positiv vom voll besetzten Publikum aufgenommen wurden. Und auch, wenn gegen Ende hin die Konzentration naturgemäß etwas abnahm, erfüllte die Atmosphäre eines in sich stimmigen Abends jederzeit den Raum. Es handelte sich schließlich um ein junges Konzept mit jungen Autorinnen und jungen Büchern für ein junges Publikum im Kanon der Aktualität – Einklang vorbestimmt.

EMMELI HAHN 

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