Leseorte: UT Connewitz

Nur einen Katzensprung vom Connewitzer Kreuz entfernt versteckt sich neben einem Buchladen auf der Wolfgang-Heinze-Straße der Eingang zu einem Stück Kulturgeschichte Leipzigs, dem Union-Theater Connewitz, kurz UT. Seit 2001 ist hier der Verein UT Connewitz in überwiegend ehrenamtlicher Tätigkeit mit Herzblut zugange und erhält die wunderbar alte und inzwischen denkmalgeschützte Bausubstanz, die zehn lange Jahre leerstand. Er bringt Filme und Konzerte auf die große Bühne, aber auch Theaterstücke und Lesungen.

In den Gemäuern steckt eine lange Kinogeschichte. Noch im Errichtungsjahr 1912 konnte das Publikum hier den ersten Spielfilm sehen, einen Stummfilm. Damit zählt das UT Connewitz zu den ältesten Lichtspielhäusern des Landes. Damals gehörte es als Union-Theater zur Kette des seinerzeit größten Kinokonzerns, der Union. Das UT diente als Filmstätte, später als Kunstdruckerei, Luftschutzkeller, Spielfläche für Konzerte der Underground- und Punkszene, als Videothek und Jazzclub … bis 1992 der vorerst letzte Film über die Leinwand flimmerte.

Das UT von der Straße aus. © Leipziger Buchwissenschaft
Das UT von der Straße aus. © Leipziger Buchwissenschaft

Ich lebe nun seit acht Jahren in Leipzig und erinnere mich noch an den Besuch eines Konzerts im UT in meiner allerersten Woche hier als Stadtneuling. Vieles hat sich seitdem in Leipzig verändert, und nur wenige Veranstaltungsorte haben ein so konsequent gutes, vielseitiges und ausgewogenes Programm wie das UT. Hier bin ich nach wie vor gern Gast.

Der Konzertraum, eigentlich ein Saal, ist größtenteils im Originalzustand von 1912 erhalten. Die Stahlbetonbauweise ersparte Stützen, der Blick wird nicht gestört und kann weit nach oben streifen. Stilistisch ist das UT an eine klassische Theatergestaltung angelehnt: Um die Bühne herum prangt ein Tempelrelief mit Pilastern und dem typischen dreieckigen Giebel. Die verblasste rote Bemalung kann man noch erkennen.

Ein stimmungsvoller Raum mit toller Akustik, das denke ich jedes Mal wieder, wenn ich hoch zur Galerie schaue, von der manchmal die Künstler und Künstlerinnen des Abends herunterkommen. Oder wenn ich im Winter hinten bei den Tonleuten am Heizgebläse meine Füße auftaue. Die Anmut der Rundbögen und die bröckelnde Fassade ergeben eine besondere Mischung aus Festlichkeit und abgewracktem Hauch, der nach 105 Lebensjahren und vielen Konzert-, Kino- und Leseabenden riecht.

Blick vom Saal auf die Bühne. © Leipziger Buchwissenschaft
Blick vom Saal auf die Bühne. © Leipziger Buchwissenschaft

Letztere finden auch im Rahmen von »Leipzig Liest« zur Buchmesse im UT Connewitz statt. So gestalten am 23. März um 21 Uhr David Abulafia, Leyla Dakhli, Yassin al-Haj Saleh und der diesjährige Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung Mathias Enard einen literarischen Abend, der sich dem Mittelmeer widmet. Am 25. März dreht sich ab 20 Uhr wie schon seit einigen Jahren wieder alles um den Balkan. Dabei sind diesmal Gabriela Adameșteanu, Patrick Boltshauser, Ridvan Dibra und viele andere. Zur Balkannacht bekommt das Publikum nicht nur einen literarischen Querbeet-Einblick mit aktuellen Stimmen der Prosa und Lyrik, sondern es kommt auch musikalisch auf seine Kosten. Porto Franco spielen »mit einer Mischung aus Balkan Beat, einer Prise Rock’n’Roll, Jazz und Gipsymusic«. Dieses abwechslungsreiche Programm, die polyglotte wie entspannte Moderation und die Weltenbummler-Atmosphäre machen die Balkannacht unverwechselbar.

Das UT ist ein Ort, zu dem alles passt, ohne dass es seinen ganz eigenen Charakter verliert. Deswegen lieben ihn die Leipziger_innen. Und ich kann über das nicht ganz so ideenreiche Getränkeangebot und die verdammt enge Toilette gern hinwegsehen. Jammern auf hohem Niveau.

Beitragsbild © Leipziger Buchwissenschaft


Die Adresse:
UT Connewitz
Wolfgang-Heinze-Str. 12a
04277 Leipzig
http://www.utconnewitz.de/


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Juliane Trinks

 


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