Leseorte: Museum in der »Runden Ecke«

Lesungen am authentischen DDR-Erinnerungsort.

4. Dezember 1989: Die Leipziger Stasi-Zentrale am Innenstadt-Ring wird von Demonstranten besetzt, um nach dem Mauerfall die Vernichtung der Akten zu stoppen und den Großteil der Unterlagen zu sichern. Zuvor während der DDR-Zeit wurden die Bürger und Bürgerinnen von hier aus systematisch ihrer Grundrechte beraubt. Noch während der Besetzung formiert sich das Bürgerkomitee Leipzig, das an diesem geschichtsträchtigen Ort nun schon seit 1990 die Ausstellung »Stasi – Macht und Banalität« zeigt. Damit erfüllte sich der Wunsch der Montagsdemonstranten: »Krumme Ecke – Schreckenshaus! Wann wird ein Museum draus?«

Von außen deutet nicht viel auf die belebte Vergangenheit dieses Hauses hin. Das monumentale Eckgebäude wurde 1913 als Geschäftshaus einer Feuerversicherung eröffnet und gliedert sich mit dem halbrunden Eingangsbereich perfekt in das architektonische Stadtbild ein. Nur eine graue Informationstafel auf dem kleinen Vorplatz und ein Schild neben der Tür machen auf dessen Geschichte aufmerksam. Wenn man dann durch die hölzerne Pforte tritt, fällt der Blick zuerst auf ein großes braunes Stoffbanner oberhalb der Treppe. Es stammt noch aus den Zeiten der Friedlichen Revolution. Geht man nun die steinernen Stufen hinauf und wählt den linken Eingang, gelangt man direkt in die Räume des Museums in der »Runden Ecke«.

Blick in die Innenräume der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale. © Linda Ehrlich
Blick in die Innenräume der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale. © Linda Ehrlich

Sofort breitet sich hier in der ehemaligen Bezirksverwaltung Leipzig des Ministeriums für Staatssicherheit ein mulmiges Gefühl im Bauch aus. Denn vom abgenutzten Linoleumfußboden über die gelbbraune Tapete bis hin zu den alten Heizkörpern und Gardinen ist vieles noch original erhalten. Selbst der einstige Geruch scheint sich hier für alle Zeiten festgesetzt zu haben. Anhand vieler Relikte informiert das Bürgerkomitee die Besucher und Besucherinnen über die Geschichte, Struktur und Arbeitsweise der Stasi. Man findet dort Geräte zum Öffnen von Post, Wanzen, Geruchskonserven, gefälschte Stempel und noch vieles mehr. »Das ist ganz schön krass«, findet eine Gruppe Jugendlicher, während sie durch die Räume streift. Gerade für junge Menschen ist hier Geschichte zum Greifen nah. Die außergewöhnliche und einmalige Sammlung umfasst etwa 30.000 Objekte und wird durch passende Fotografien und Dokumente ergänzt.

Dem Bürgerkomitee ist es eine Herzensangelegenheit, den Menschen die bedeutsamen Errungenschaften der Friedlichen Revolution in Erinnerung zu rufen und auch bei jüngeren Generationen ein Bewusstsein für die Gefahren einer Diktatur zu schaffen. Deshalb finden im Museum regelmäßig Lesungen, Filmabende, Diskussionen und andere Veranstaltungen statt. Meist dient als Ort dafür der ehemalige Kinosaal der Staatssicherheit, der sich weiter oben im Gebäude befindet.

Auch im Rahmen von »Leipzig Liest« stellen Autoren im Kinosaal eine Reihe von Büchern vor, die sich um das Leben in der DDR drehen. Am 23. März liest beispielsweise Martina Mosebach aus ihrem 2016 erschienenen Roman »Die Grenzschwimmerin« (Punktum). Darin begibt sich eine junge Frau auf die Suche nach der geheimnisvollen Vergangenheit ihrer Mutter, die in der DDR als Leistungsschwimmerin gefeiert wurde.


Die Adresse:
Gedenkstätte Museum in der »Runden Ecke«
Dittrichring 24
http://www.runde-ecke-leipzig.de/

Praktisches:
Im selben Gebäude befindet sich die BStU-Außenstelle Leipzig, die die Archivüberlieferung der Staatssicherheit verwahrt. Dort finden ebenfalls empfehlenswerte Veranstaltungen statt.


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Linda Ehrlich

 


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