Leseorte: Metropolis – Tabeldance Lounge

Nicht ablenken lassen.

»Ich finde es schade, dass das so in die Schmuddelecke geschoben wird«, bedauert die Barkeeperin. Dabei wirkt die Tabledance Lounge »Metropolis« am Richard-Wagner-Platz auf den ersten Blick wie jeder größere Nachtclub: Man wird auf der Treppe hinunter zur Eingangstür von dumpfer Musik und einer blitzenden Discokugel begrüßt und dann an Türsteher und Kasse vorbeigeschleust. Betritt man die Lounge, wird schon eher nachvollziehbar, woher das Vorurteil kommt. Die Sitzecken sind in rotem Leder gehalten, die Wände verspiegelt, an zahlreichen Stellen strecken sich goldene Stangen zur Decke und schmiegen sich gleich einer Reling um die Theke. Und auf zwei großen Fernsehern präsentieren Diashows sparsam bekleidete Damen.

Doch wer befürchtet, die Darbietungen der »Girls«, wie die Tänzerinnen hier genannt werden, könnten von der Literatur ablenken, braucht sich keine Sorgen zu machen. Die Lesungen finden noch vor der regulären Öffnungszeit statt. »Wir haben aber als Highlight auch schon Tanzauftritte in den Lesepausen gehabt, weil es thematisch gut passte«, erzählt Kevin Kral, der Leiter der Bar. Auch scheint die leicht verruchte Aura eines solchen Erotikbetriebs eher zu faszinieren als abzuschrecken. Laut Kral seien viele zum ersten Mal in so einem Etablissement und dementsprechend interessiert. Oft blieben die Gäste der Lesung danach noch für ein bis zwei Stunden. Gelesen wird in der Lounge selbst, da, wo normalerweise getrunken, geraucht und getanzt wird. Ein kleines Podest neben der Bar dient als Lesebühne, und die Gäste können es sich zusätzlich zu den lederbezogenen Sitzecken noch auf Stühlen und Hockern bequem machen. Meist setzen sich auch die Tänzerinnen ins Publikum und lauschen ebenfalls der Lesung.

Die Idee, ausgerechnet an diesem Ort Lesungen abzuhalten, kam von den »Leipzig liest«-Organisatoren selbst: »Wir sind damals von der Messe angesprochen worden, weil im Rahmen von Leipzig liest außergewöhnliche Veranstaltungsorte gesucht wurden«, sagt Kral. Die Bücher, die hier vorgestellt werden, haben dann auch meist einen Bezug zum Thema Erotik. Das scheint zu funktionieren: Das »Metropolis« öffnet bereits zum fünften Mal der Literatur seine Türen, und die Lesungen sind noch immer rappelvoll gewesen. Also, bitte – ähm – früh kommen.


Die Adresse:
Metropolis – Tabeldance Lounge
Große Fleischergasse 4
www.metropolis-leipzig.de


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Simon Oppermann

 


Dieser Text ist im :logbuch 2016 erschienen, der Buchmesse-Beilage des kreuzer.


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