Leseort: Bibliotop

Die Schatzhöhle der Buchforscher.

Was haben eine Dartscheibe, Marmelade, Modellflugzeuge, eine Personenwaage, ein Kimono, Pflanzensamen, Adventskalender, Krawatten und Liegestühle gemeinsam? Ganz genau, es handelt sich bei all diesen Dingen nicht um Bücher. Und doch kümmern sich Buchwissenschaftler darum, und zwar mit Liebe und Leidenschaft. Siegfried Lokatis, der Professor für Buchwissenschaft an der Universität Leipzig, hat dafür gesorgt, dass diese einzigartige Kollektion jetzt in den Institutsräumen zu sehen ist. »Die Sammlung war wirklich von Vernichtung bedroht«, erzählt Lokatis. »Wenn wir sie nicht gerettet hätten, dann wäre dieser Schatz im Müll gelandet.« Der Schatz aus Grimma, der erst kürzlich in das Bucharchiv überführt wurde, besteht aus Tausenden von Büchern und unzähligen Werbeobjekten der Buchbranche und wurde nun von Studenten der Buchwissenschaft gezählt, fotografiert und inventarisiert. Eine langwierige und mühsame Arbeit, die sich gelohnt hat: Entstanden ist eine Ausstellung, die ihresgleichen sucht.

Wie kam es dazu? Über Jahrzehnte sammelte der Buchhändler Lutz Lewejohann in einer Grimmaer Wohnung alle nur erdenklichen und undenkbaren Werbeartikel, die die Verlage zur Vermarktung ihrer Publikationen hervorbrachten. Neben den üblichen Kulis, Kaffeebechern, Plüschtieren, Schürzen, Tragetaschen und Taschentüchern kann man auch Verblüffendes entdecken. Die Merchandising-Abteilung von Langenscheidt beispielsweise hat sich sonnengelbe Toaster und einen Sandwichmaker einfallen lassen, die ein Langenscheidt-L ins Brot brennen. Für nahezu alle Alltagsverrichtungen finden sich skurrile, mehr oder wenige nützliche Utensilien: über Seife, Klopapier, Morgenmantel, Handtuch, Quietscheente und Föhn, über Frühstücksbrettchen, Schürzen, Thermoskannen, Lebkuchenherzen und Duden-Nudeln bis zu Hängematten, Kissen, Sprungseil, Bällen und Boxhandschuhen. Die Wunderkammer lädt zum Staunen, Stöbern und Spekulieren ein. In jedem Raum gibt es neben prall gefüllten Bücherregalen, die bis an die Decke reichen, und knautschigen Sofas jede Menge Klimbim und Sonderbarkeiten zu entdecken.

© Buchwissenschaft Uni Leipzig
Detail aus dem Bibliotop © Buchwissenschaft Uni Leipzig

»Unsere Nachbarn von Oxfam«, erzählt Lokatis, »wollen jetzt auch schon in diesem Zimmer ihre Sitzungen abhalten, und die Putzfrau hat sich bei mir bedankt, dass es hier so schön und interessant ist zu putzen.«

Zusammen mit dem Archiv des Reclam-Verlages bildet die Ausstellung der Lewejohann’schen Sammlung in den Räumen der Buchwissenschaft das »Bibliotop«. Dieser »Bücherort« ist Archiv, Bibliothek und Museum zugleich, hier soll geforscht, entdeckt oder auch einfach nur gelesen werden. Natürlich auch und gerade während der Buchmesse. »Wir wollen das Archiv die ganze Zeit offen halten«, sagt Lokatis, »damit alle das sehen können.« Und selbstverständlich finden hier auch Lesungen statt. In den Räumen, in denen sonst Studenten der Buchwissenschaft Stasi-Akten wälzen und digitalisieren, liest zum Beispiel Ines Geipel aus ihrem Buch »Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989«.

Wer es zur Buchmesse nicht ins Bibliotop schafft, hat auch die Möglichkeit, nach Absprache die heiligen Hallen auch nach dem 20. März zu besuchen. Aber warten Sie nicht zu lange. Im Sommer werden die Devotionalien auf die Reise gehen und von Juni bis September in der Stadtbibliothek gastieren.


Die Adresse:
Archiv der Buchwissenschaft
Hainstr. 11 (Hinterhof, rechts neben Oxfam, 3. Etage)
http://home.uni-leipzig.de/buchwissenschaft


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Lisa Lenort

 


Dieser Text ist im :logbuch 2016 erschienen, der Buchmesse-Beilage des kreuzer.


 

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